Moodymann »DJ-Kicks« / Review

Tightes Beat-Mixen als nur eine Möglichkeit von vielen: Moodymanns Technik ist variantenreich.

Ein DJ-Kicks-Mix ist eine Sache von immenser Ultimativität. Sehr lange gibt es die Serie schon, seit 1995, und mit DJ Kozes epischem Entwurf zum 50. Jubiläum im vergangenen Jahr ist der Anspruch an die monolithische Einzigartigkeit des angeforderten Mixes noch einmal deutlich gestiegen. Was den Wow-Effekt betrifft, kann sich die vorliegende Ausgabe auf jeden Fall sehen lassen: Wow, Moodymann! Wow, Detroit! Wow, Mr. Schwierig, ebenfalls seit 20 Jahren im Geschäft, mit seinem ersten derartigen Mix!

Kenny Dixon Jr. gilt seit jeher als kontrovers und umstritten, als moody eben, weil beziehungsweise obwohl er zum Beispiel keine Interviews gibt. Adjektive wie »ikonisch« oder »charismatisch« pflastern die Beipackzettel seiner Platten. Seine Exegese der Geschichte schwarzer Musik umgibt ebenfalls eine enorme Aura der Ultimativität und Autorität, weshalb so eine Zusammenstellung erhebliche Erwartungen schürt. Moodymann entzieht sich diesen durch den expliziten Verzicht auf obskure Superraritäten und andere Hochamtattitüden und droppt stattdessen ein lockeres, cooles Set relativ aktueller Releases und Re-Releases. Wir hören hier Musik zur Zeit. Alles ist gut, alles aber theoretisch auch durch andere aktuelle gute Sachen ersetzbar. Die Meißelung in Marmor entsteht eher durch das Marketing und das Artwork – die Platte gibt es auch in einer bereits vorab ausverkauften Sechsfach-Vinyl-Variante in irgendeinem abgefahrenen Druckverfahren – und eben die Bedeutungsvollizität der Plattform DJ-Kicks.

Wir hören hier Musik zur Zeit. Alles ist gut, alles aber theoretisch auch durch andere aktuelle gute Sachen ersetzbar.

Der aus insgesamt 30 publikumsfreundlichen, zum Teil gut abgehangenen Tracks bestehende, sehr kurzweilige und, wie mir scheint, handgemachte Mix beginnt feierlich-erhaben mit Geigen, wie in einer Art Verneigung vor den Geistern der Ahnen und des Blues, und hält sich tempomäßig lange Zeit sehr zurück. Es gibt Soul, HipHop, mal mehr, mal weniger abstrakt, wie man ein gediegenes Set für Connaisseure und Cognactrinker eben so anfängt. Das ist alles bestens, das kann man sehr gut hören. Nach der Hälfte der Tracks nimmt die Sache an Fahrt auf, und das kann man sogar noch besser hören. Auffallend ist die überproportionale Präsenz der Moodyfrauen, der verhangenen, weiblichen Stimmen, die Moodymann so schätzt. Im letzten Viertel mischt er gleich drei good old Female-Vocal-Deep-House-Tracks hintereinander weg. Das macht man als DJ eigentlich nicht, kommt hier aber herrlich, vor allem weil die Sequenz ausgerechnet mit Anne Clarks »Our Darkness« beschlossen wird, in einer nur von Piano begleiteten Liveversion, die in Applaus mündet.

Moodymanns angenehme, variantenreiche Technik versteht tightes Beat-Mixen nur als eine Möglichkeit von vielen, zwei Stücke miteinander zu verbinden; manchmal hallt das Ende eines Tracks einfach nur so weg. Am Schluss gibt es tatsächlich noch mal zwei Female-Vocal-Deep-House-Nummern, Lady Almas »It’s House Music« und »Did You Ever« von Daniela La Luz, das den Mix mit einem profanen Fade-out beschließt. Das klingt nach live mal eben zusammengemixt, und so muss man das natürlich auch machen. Diese DJ-Kicks ist eine Momentaufnahme von dem, was Moodymann derzeit an zeitgenössischer Musik mag, und keine Reise durch die Vergangenheit der schwarzen Musik. Mit ein paar Jahren Abstand könnte sie das aber noch werden: eine Geschichtsstunde aus der Zeit, die wir momentan noch Gegenwart nennen.

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