Roy Dibs Mondial 2010: »Die Situation ist nicht cool«

mondial-2010
MONDIAL 2010
Libanon 2013
Regie: Roy Dib
Mit Abed Kobeissy und Ziad Chakaroun 

Wenn der Ausnahme-Zustand zum Alltag wird: Im Rahmen der Berlinale zeigt der libanesische Künstler Roy Dib seinen Kurzfilm Mondial 2010, der für den diesjährigen Teddy Award nominiert ist, und erklärt, warum er den Konflikt aus den Augen eines schwulen Pärchens bewusst banalisiert. 

»Schwul in Palästina? Wow!«, huscht es einem unweigerlich durch den Kopf. Dabei ist die Sexualität der beiden (unsichtbaren) Charaktere nur eines der vielen Details, die den fiktiven Ausflug im Kurzfilm Mondial 2010 so besonders machen. Der libanesische Künstler Roy Dib präsentiert in seinem 19-minütigen Road-Movie eine mit Handkamera dokumentierte Reise von Beirut nach Ramallah, die im wahren Leben so nicht möglich gewesen wäre. Und zwar aus einem ganz pragmatischen Grund: Das schwule Pärchen ist im Besitz der libanesischen Staatsangehörigkeit und wäre somit gar nicht befugt, nach Palästina einzureisen – und zwar schon seit dem Palästinakrieg 1948, nach dem noch immer kein Friedensabkommen zwischen dem Libanon und Israel zustande gekommen ist.

Das bedeutet natürlich auch, dass der 30-jährige Beiruter Regisseur Roy Dib selbst gar nicht gefilmt hat, sondern das Footage lediglich in Auftrag gab, um es in Jordanien abzuholen – einem der wenigen arabischen Länder, in denen sich Palästinenser und Libanesen treffen können. Zehn Stunden Film hat Dib auf 19 Minuten geschnitten und montiert, die Dialoge seiner Charaktere wurden hinterher geschrieben und aufgenommen. Die Montage-Technik bestimmte auch schon frühere Arbeiten von Roy Dib, etwa Objects in Mirror are Closer Than They Appear (2012).

Roy Dib
Regisseur Dib: »Meine eigentliche Protagonistin ist Ramallah.«

»Dass das Pärchen unsichtbar ist, hat zwei Gründe«, erklärt Roy Dib im Interview. »Zum einen, weil es aus logistischen Gründen gar nicht dort sein kann. Zum anderen, weil meine eigentliche Protagonistin Ramallah ist. Die Stadt, die ich nur im Film besuchen kann.« Durch die Linse der wackligen Handkamera eröffnen sich Straßen- und Landschaftsaufnahmen, die stets von einer klaustrophobischen Stimmung geprägt sind. Nicht nur, weil der letzte Bildabschnitt vor dem Horizont häufig von israelischen Siedlungen besetzt ist, sondern weil einer der Charaktere aus einem Unwohlsein heraus die Stadt frühzeitig verlassen möchte. 

»The city is disappearing«, heißt es da phrasenhaft aus dem Off, oder: »There is no museum in Ramallah.« Doch ein eindeutiges Opfer-Täter-Verhältnis erspart sich Roy Dib in Mondial 2010: »Ich habe kein Interesse daran, dem Publikum greifbare politische Botschaften zu vermitteln. Ich will Fragen aufwerfen, indem ich die Konflikt-Situation banalisiere.« So legt Dib in einer Sequenz an der Mauer, die das Westjordanland von Israel trennt, seinen Charakteren sarkastische Kommentare über die dort herum stehenden Demonstranten in den Mund. Man bewertet das Sexappeal eines alternden Mannes mit Palästina-Fähnchen, während israelische Grenzbeamte Gaspatronen über die Mauer schießen – wenn der Ausnahme-Zustand zum Alltag wird, hilft nur noch die Macht des Smalltalks.

Derer bedient sich Dib auch bei seiner Darstellung von Homosexualität im arabischen Raum. Die Frage, ob man im Hotel besser um getrennte Betten bitten soll, oder die Sorge um den Knutschfleck am Hals, reichen bereits aus, um ein umfassendes Bild der Gesellschaft zu konstruieren, in der die Charaktere leben. »Für das arabische Publikum ist die Homosexualität meiner Figuren natürlich ein Schockeffekt. Aber genauso ist das auch schon die unbeschwerte Reise nach Ramallah. Die moralische Belehrung ist keineswegs meine Absicht. Dennoch ist es für jene, die es wissen wollen, einfach zu verstehen: Nein, die Situation ist nicht cool.«

Mondial 2010 läuft im Berlinale Forum Expanded und ist noch am Sonntag um 13.30 Uhr bei freiem Eintritt in der Berlinischen Galerie zu sehen. Dort werden heute, um 19:30, auch die restaurierten Filme der queeren Underground-Ikone Jack Smith gezeigt. Mondial 2010 ist außerdem nochmals am Sonntag, um 17 Uhr, als Teil der Teddyrolle im International zu sehen.

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