Molly Soda – Der weiße Typ von Facebook

An der Grenze zur Fremdscham berühren Molly Sodas Werke gerade, weil sie so ungeschönt sind. Als Vertreterin einer neuen Generation von Cyberkünstlerinnen nutzt die Puerto Ricanerin Social-Media-Kanäle, um Gefühle und Körper vor der größtmöglichen Öffentlichkeit zu dokumentieren. Ab 12. Januar widmet sich die Ausstellung Virtual Normality im Museum der bildenden Künste in Leipzig den Werken Sodas und einer Reihe anderer Netzfeministinnen. Aus diesem Anlass ist das komplette Feature mit der Künstlerin nun auch online zu lesen.

Die elitären Räume der Kunst braucht Molly Soda nicht, um ein Publikum zu erreichen. Der Zutritt zu ihrer Welt wird von den ebenso komplizierten wie mysteriösen Algorithmen der sozialen Netzwerke geregelt: „Oft stolpern Leute über meine Arbeiten, ohne zu wissen, wer ich bin oder was ich mache“, erzählt Soda. „Dann schreiben sie mir: Was soll das? Warum machst du das? Das ist so peinlich!“

Die Performances, Bilder, Videos und Texte der in Puerto Rico geborenen und in Brooklyn lebenden Künstlerin thematisieren Begehren, Schönheit und den Wunsch nach Bestätigung. Mit Should I send this? stellte sie missglückte Nackt-Selfies und nicht versendete, spätnachts formulierte Textnachrichten aus ihrem Handy-Speicher aus. Im Video Inbox Full liest sie wiederum Nachrichten vor, die Fremde auf ihrem Tumblr-Profil hinterlassen haben. All By Myself zeigt die Künstlerin selbst als einsame Karaoke-Sängerin vor der Webcam.

Intimität wird zur Währung einer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, das Schlafzimmer als Ort privater Obsessionen und desolater Selbstbespiegelung zur öffentlichen Sezierkammer weiblicher Identitätskonstruktion. „Indem ich diese Dinge veröffentliche, befreie ich mich selbst von Scham“, begründet Molly Soda ihre Motivation für das Teilen extrem privater Inhalte. „Bei diesen Arbeiten geht es nicht primär um mich, sondern um jeden, der schon mal versucht hat, online Liebe und Validierung zu finden. Das Internet verletzt unsere Seelen. Das müssen wir ernst nehmen.“

„Man muss die Leute verarschen, damit sie einen ernst nehmen.“

Mit der freien Zugänglichkeit ihrer Kunst stellt Soda auch die Besitz- und Exklusivitätsansprüche traditioneller Sammler in Frage: „Es ist eigentlich sehr kindisch, Dinge für sich alleine haben zu wollen.“ Die Londoner Anna Kultys Gallery, die Soda vertritt, regt deshalb dazu an, die Preise für digitale Kunstwerke in Relation zu den erzielten Klicks zu setzen, was hieße, dass der Wert einer Arbeit steigt, je mehr Menschen sie im Netz angesehen haben. Der Weg dorthin sei allerdings weit, gibt Molly Soda zu. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verkauft sie in Ihrem Webshop deshalb auch T-Shirts mit ihrem Konterfei oder Jutetaschen mit der Aufschrift „All white men look like Tom from Facebook to me.“

„Manchmal denke ich, es wäre einfacher, wenn Molly Soda nur eine Rolle wäre, die ich spiele. Man muss die Leute verarschen, damit sie einen ernst nehmen“, sagt Soda und spielt damit auf die Künstlerin Amalia Ulman an, die für ihr Fake-Instagram-Profil Excellences & Perfections, mit dem sie Selbstdarstellung junger Frauen persiflierte, von Kritikern hoch gelobt wurde.

Wie die digitale Kultur den Blick auf Körper beeinflusst, wird auch in Molly Sodas nächster Kollaboration mit der schwedischen Künstlerin Arvida Byström verhandelt. Für den Fotoband Pics Or It Didn’t Happen riefen sie im Netz dazu auf, Selfies einzusenden, die von Instagram entfernt wurden – Identität auf digitalem Löschpapier.

Dieser Text ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 373 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei online bestellt werden.

Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0
12.1.–01.04. Leipzig – Museum der bildenden Künste
Alle Informationen gibt es hier.

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