»Moisturise and masturbate« – Gnučči im Interview

Stark und unerschrocken: Gnučči kommt, um die Clubszene aufzumischen. Foto: Esteban Wautier.

Um das Ausmaß ihrer Energie und Ausstrahlung verstehen zu können, muss man Ana Rab a.k.a. Gnučči live erlebt haben. Das »self-made Balkan babe« ist gekommen, um die Clubszene mit ihren feministischen Hymnen zu erschüttern. SPEX traf die Künstlerin zum Interview und sprach mit ihr über safe spaces, Immigration und body positivity.

Ihr Blick ist ziemlich direkt. Und er kann einen schon mal einschüchtern. Insbesondere, wenn man gerade eine so prekäre Frage gestellt hat. Wo sie sich denn in der Debatte um Transmenschen und öffentliche Toiletten positioniere. »Da gibt es keine Debatte,« sagt sie, wendet sich vom Spiegel ab, vor dem sie sich für das bevorstehende Konzert fertig macht, und sieht einen mit eben diesem intensiven, bohrenden Blick an. »Wenn du eine Frau bist, dann herzlich Willkommen auf der Frauentoilette.«

Es mag seltsam anmuten, mit einer Diskussion über Toilettenbenutzung in das Gespräch mit der schwedischen Musikerin Gnučči einzusteigen. Das Video zu ihrer aktuellen Single »Young Paula Abdul« spielt jedoch genau dort: in einer Clubtoilette. Und es feiert den Vibe einer eingeschworenen Gemeinschaft, die sich dort gegenseitig unterstützt, in Partylaune bringt und eben in manchen Fällen auch auffängt.

»welches Recht haben außenstehende, einen Safe Space an Konditionen zu knüpfen?«

Ana Rab gehört zu einer Generation von jungen Künstlerinnen, die selbstbewusst über ihre Realität als Frau, ihre Körper, ihren Feminismus texten. Vor kurzem erst stand sie in Berlin mit Princess Nokia auf der Bühne, aus ihrer Kollaboration mit der schwedischen Electronica-Musikerin Tami T ist die Popnummer »Ultimate Girl« entstanden, mit unerwartet zuckriger Hook. Aber Gnučči ist keine Neueinsteigerin in der Musikszene. Bereits 2013 wurde sie als Schwedens bester Hiphop-Act ausgezeichnet und ihr Song »Goodah« als Girlpower-Hymne der feministischen Szene gefeiert.

Dabei war Rab nicht immer selbsterklärte Feministin, sondern beschreibt sich sogar als »internalisierte Misogynistin«. »Ich habe damals einfach nicht verstanden, dass die Zurechtweisungen, die ich als Kind bekommen habe, wie ›du bist zu laut‹ oder ›tu jetzt das, was ich sage‹, nicht bedeuten, dass Mädchen schwach sind. Sondern dass es mir nicht erlaubt war, in dieser Gesellschaft ein selbstbewusstes, starkes Mädchen zu sein. Ich war sauer auf andere Frauen, weil sie nicht existierten, nicht sichtbar waren.«

Vielleicht nutzt Gnučči heute deswegen ihre Musik als Plattform für starke Texte mit feministischen Botschaften. Aber auch die Karriere anderer Künstlerinnen voranzutreiben, ist ihr ein großes Anliegen. »Mir gefällt diese Vorstellung, miteinander zu wachsen, aufzublühen und sich weiterzuentwickeln. If you shine, I shine, we both shine brighter. Weißt du was ich meine?«

Auch die Kollaboration mit Tami T entstand aus einem Gefühl der gegenseitigen Anerkennung und Bewunderung heraus. Musikalisch fällt es zunächst schwer, Gnuččis basslastigen Clubsound und maschinengewehrartig ausgespuckte Lines mit Tamis dunkel-verquerem Elfen-Electronica in Verbindung zu bringen. Inhaltlich treffen sich die beiden dann aber doch bei ihren teils sexuell expliziten (Tami Ts »Eat Me When I Bleed«), aber immer unerschrocken direkten Kommentaren zum weiblichen Körper.

»Wir sind ständig mit diesen verrückten Ansprüchen an unsere Körper konfrontiert. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, hässlich zu sein. Tausende Tutorials zeigen dir, wie du vermeintliche Makel in deinem Gesicht kaschieren kannst.« Gnuččis Gegenentwurf zur medialen Massenhysterie: den Körper als Werkzeug betrachten.

»Ich habe da diese Line: I like my body, it does what it should. I dance nice, I fuck good.«

Die Absurdität dieses Kampfs um den weiblichen Körper, wann und wie viel von ihm gezeigt wird, gipfelte kürzlich in der Burkini-Debatte. Man hört Gnučči an, wie sehr sie das Verbot aufgebracht hat, nicht nur, weil es wieder einmal weiße Männer sind, die bestimmten, was Frauen zu tragen haben, sondern weil den Frauen durch das Verbot die Teilnahme am öffentlichen Leben und damit die Chance auf Integration erschwert wird.

Rab selbst hat eine Vergangenheit als Geflüchtete. Als sie fünf Jahre alt ist, flieht die Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Schweden. Dort angekommen, wird sie zum ersten Mal mit einer neuen Sprache und Kultur konfrontiert. Ihr bester Freund in dieser Zeit: das Musikfernsehen. »Dass meine Musik sich so vieler verschiedener Genres bedient liegt daran, dass ich früher alles aufgesaugt habe. Darüber habe ich Anschluss zu anderen Menschen gefunden. ODB vom Wu Tang Clan, aber auch die Spice Girls, Dr. Alban, Robyn. Amerikanischer Hiphop war besonders wichtig. Den fanden wir alle gut – die Chilenen, die Libanesen, die Armenier… so bin ich in einem bunten Umfeld von Nationalitäten aufgewachsen.«

Aufgrund ihrer Vorliebe für dröhnende Clubsounds und hart abgelieferte Raps wurde Ana Rab bereits als schwedische Missy Elliot gehandelt und mit M.I.A. verglichen. Die Parallelen zu letzterer sind nicht zu übersehen. Beide zogen als Kinder mit ihren Familien nach Europa, beide schufen sich durch Musik und Popkultur eine neue Identität, beide wuchsen umgeben von vielen verschiedenen Nationalitäten und Kulturen auf, beide kamen als Performerinnen erst spät zur Musik. Und beide nehmen bei ihrer politischen Agenda kein Blatt vor den Mund.

»Ich war eigentlich schon immer ein Musiknerd und auch eine attention ho. In der dritten Klasse habe ich zum ersten Mal bei einem Talentwettbewerb gewonnen und gemerkt, dass mir das Spaß macht.« Es brauchte allerdings einige Jahre und einen Umzug nach London, bis es zum ersten musikalischen Feature kam: Ayoba von Schlachthofbronx. Andere Produzenten entdeckten die Schwedin und boten ihr weitere Gastauftritte an. Heute macht sie alles selbst.

»Ich habe keinen musikalischen Hintergrund, keine Kontakte. Aber was ich von von meiner Mutter und Großmutter gelernt habe, ist, dass man hart arbeiten muss.«

2012 veröffentlichte sie mit Oh My Goodness! ihre erste EP, 2014 folgte Psychohappy. Für 2016 steht nun endlich ihr Debütalbum auf dem Plan. Neben den eigenen Veröffentlichungen übernimmt sie auch die Verantwortung für ihre Musikvideos. Die Ideen kommen ihr teilweise schon, wenn sie die Songs schreibt, für die Umsetzung holt sie sich ihrem Kollaborationsethos getreu Freunde ins Boot.

»Ich habe keinen musikalischen Hintergrund, keine Kontakte. Aber was ich von von meiner Mutter und Großmutter gelernt habe, ist, dass man hart arbeiten muss.« Und mit genau dieser Haltung steht sie Minuten später auf der Bühne. Hatte nicht M.I.A. vor kurzem mangelnden Nachwuchs beklagt? Hier ist er.

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