Modeselektor / Aérea Negrot

monkeytown-arabxilla

   Berlin ist eine Stadt voller Musik – das beginnt in überwältigender Anzahl und Vielfalt schon bei den Amateur-Eric-Claptons, von denen es im Berliner U-Bahn-Netz nur so wimmelt. Seit den neunziger Jahren sind zwar subkulturelle Freiräume verloren gegangen, doch die Hauptstadt hat sich ein anarchisches Moment erhalten. Wer daran zweifelt, möge andere deutsche Städte besuchen, in denen sich die öffentlich abgespielte Musik auf einige nichtssagende Klassiknummern beschränkt, eingesetzt zur Steigerung des bürgerlichen Wohlbefindens auf schmuddeligen Bahnhofsvorplätzen.

   Angesichts des musikalischen Überschusses überrascht es nicht, dass Berlin selbst immer wieder besungen wird. Neuerdings zum Beispiel von MODESELEKTOR und AÉREA NEGROT, auf deren neuen Alben sich jeweils ein Track mit dem schlichten Titel Berlin befindet. Fast ein Jahr habe es gedauert, bis sie ernsthaft an ihrer neuen Platte zu arbeiten begannen, sagen Sebastian Szary und Gernot Bronsert von Modeselektor. Vorher herrschte Prokrastination und Slackertum. Monkeytown heißt ihr Album, benannt nach einer Stadt, in der man eher abhängt als arbeitet. Stressfrei und ziellos umherzuschweifen ist dann auch das Thema des Tracks Berlin. Warm brummt und klackert der Beat, Synthieflächen und Gospelvocals umschmeicheln den Hörer, während Feature-Gast Miss Platnum nur eine einzige Zeile singt: »I’m riding slow, got nowhere to go«. In der Wiederholung ist eine leichte Bedeutungsverschiebung auszumachen, »I’m riding low«, womöglich sogar »I’m riding stoned«. Das alles ergibt einen ausgezeichneten Soundtrack für die zurückgelehnte Fahrt durch Berlin, diesem postsozialistischen urbanen Vergnügungspark für Erwachsene. Eine »realisierte Utopie« nannte der Philosoph Boris Groys einmal diese seine Heimatstadt, und meint damit eine Utopie, deren Bedingungen allgemeine Armut und Stagnation seien: »Solange alles stagniert, kann man gut leben, sich geschützt fühlen, nachdenken, träumen, Wein trinken, sich gut fühlen.«

   Die Kehrseite des Vergnügungsparks besingt Aérea Negrot von Hercules And Love Affair. Als Zugezogene zeugt sie auf ihrem Soloalbum Arabxilla von einer Anziehungskraft Berlins, die sich nicht im Einmal-Berghain-Anstehen erschöpft: »Ich will eine Deutsche wärdän«, singt die gebürtige Venezolanerin mit charmantem Akzent in einem der Songs. Deutschsprachig geht es weiter in Berlin, in dem Negrot zur Abwechslung nicht nach Disco, House und Nina Hagen klingt, sondern wie eine Diseuse am Barpiano, im Stil der 1920er Jahre. »Bärlin, du bist nach einem Tierrr benannt …«, schmachtet sie, während im Hintergrund gemurmelt, mit Geschirr geklirrt wird und die Party längst vorbei ist. Negrot ist »ein großer Stern« (Selbsteinschätzung), damit aber nur einer unter vielen in der Hauptstadt der arbeitslosen Künstler. Der Stadt sei es egal, ob sie geliebt wird – sie bleibe grob und kalt. Aérea Negrot würde ja gerne nach Köln oder München umziehen, singt sie, doch dort sind die Mieten zu teuer. Dass immer noch Menschen nach Berlin ziehen, liegt, so Negrot, »nur an den Preisen …« Frei nach Frank Sinatra ist das Versprechen Berlins: »If you can’t make it anywhere, you can maybe make it here«. Das lohnt es zu verteidigen – auch wenn man sich von manchem U-Bahn-Musiker wünscht, er hätte es wenigstens einmal somewhere else versucht.

   Modeselektor Monkeytown ist bei Monkeytown / RTD erschienen, Aérea Negrot Arabxilla bei Bpitch Control / RTD / Finetunes. Auszüge aus Monkeytown gibt es hier zu hören, ein Medley zu Arabxilla hier. Das Lied Berlin von Negrot findet sich auch auf der aktuellen Spex-CD #99. Alle Tourtermine nachfolgend.

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MODESELEKTOR live:
26.10.11 Jena – Kassablanca
27.10.11 Frankfurt – Batschkapp
30.10.11 Köln – Gloria 
31.10.11 München – Backstage 
01.11.11 Wien – Flex 
04.11.11 Genf- L'Usine
01.12.11 Leipzig – Conne Island
02.12.11 Hamburg –  Übel und Gefaehrlich
03.12.11 Stuttgart  – SEMF

AÉREA NEGROT live:
04.11. Berlin – Watergate

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