Moderne Zeiten / Modern Times – wie Bob Dylan heute vor 50 Jahren seinen Folk elektrifizierte

Am heutigen 25. Juli jährt sich zum 50. Mal der Tag, an dem Bob Dylan seinen Folk elektrifizierte – und dafür beim Newport Folk Festival erst ausgepfiffen und vom Rest der Welt später gefeiert wurde.

No time for heroes: Als der an Dave van Ronk angelehnte Protagonist aus Ethan und Joel Coens Film Inside Llewyn Davis am Ende einer von Niederlagen und Demütigungen geprägten Woche in der Gasse hinter seinem Stammclub ein paar auf die Fresse bekommt, betritt gerade ein Mann die Bühne, der das Folk-Revival der Greenwich-Village-Szene ins Licht der internationalen Öffentlichkeit katapultieren sollte: Bob Dylan.

Man erkennt im Film, der mit dieser Szene endet, lediglich Dylans Schatten als Ahnung einer neuen Zeitrechnung. Zuvor fällt einem in gut 100 höchst unterhaltsamen Minuten vor allem eines auf: Wenn es denn so war, wie von den Coens beschrieben, bestand die damalige Folk-Szene überwiegend aus bornierten Spießern im Rollkragenpulli.

Eine These, die durch eine Begebenheit im Leben des echten Dylan einige Jahre später belegt werden sollte: Bob Dylan war damals, 1961, gerade 20 Jahre alt. Im folgenden Jahr erschien sein erstes Album, nur ein Jahr danach zementierte er mit The Freewheelin’ Bob Dylan ein Image, das in unzähligen Inkarnationen bis zum heutigen Tag die Fußgängerzonen der Welt bevölkert: das des klampfenden Protestsängers mit Mundharmonika und Message.

Natürlich war keiner je so gut wie Dylan selbst. Der sang »Blowin‘ In The Wind«, nahm am Marsch auf Washington teil, bildete mit Joan Baez das Traumpaar der noch jungen Friedensbewegung.

Immer schon ebenso Eigenbrötler wie künstlerisches Genie, hatte er freilich kein Interesse daran, sich von der Szene vereinnahmen zu lassen – und zur Stimme einer Generation taugte der verschrobene Mann mit dem besonderen Humor schon gar nicht. Im Verlauf der Jahre 1964 und 1965 änderte er sukzessiv Auftreten und Garderobe und beschäftigte sich, von den Beatles inspiriert, mit Pop- und Rockmusik. Bob Dylans großer Punk-Moment kam dann im Rahmen des Newport Folk Festivals 1965.

Newport war sozusagen das Mekka des Folk-Revivals. Dort traten alle auf und gingen alle hin, die sich der Szene irgendwie zugehörig fühlten, so auch Dylan selbst. Der hatte im März desselben Jahres bereits Bringing It All Back Home zur Hälfte gemeinsam mit einer Band aufgenommen. Genervt von der Engstirnigkeit der Folkszene, entschloss er sich nun spontan zu einer kleinen Provokation.

Am Vorabend seines zweiten Auftritts, den ersten hatte er noch allein und akustisch bestritten, probte er in einer Scheune mit einer elektrisch verstärkten Band – im damaligen Folk ein Unding. Als er am nächsten Tag zunächst »Maggie’s Farm« spielte und dann den damals noch nicht veröffentlichten Song »Like A Rolling Stone«, passierte etwas Seltsames: Die eine Hälfte des Publikums buhte ihn vehement aus, die andere applaudierte lautstark.

Pete Seeger, einer der Initiatoren des Newport Folk Festivals, versuchte angeblich, während der Show den Stromstecker zu ziehen, anderen Gerüchten zufolge wollte er gar mittels einer Axt das Mikrofonkabel durchtrennen, da die Verzerrung, die Dylan auf seinen Gesang gelegt hatte, Seeger missfiel.

Über die Jahre kamen zahlreiche weitere Gerüchte hinzu, Newport wurde zum Mythos. Die Organisatoren des Festivals widersprachen der gängigen Interpretation später vehement: Dylan sei keineswegs wegen seiner Ausflüge in die Rockmusik ausgepfiffen worden, sondern wegen des schlechten Sounds und der kurzen Auftrittsdauer.

Wie auch immer die Dinge lagen: Newport spaltete die Folkszene unversöhnlich. Nach dem letzten Song an diesem Abend, bezeichnenderweise »It’s All Over Now Baby Blue«, nahm Dylan die eine Hälfte der Szene metaphorisch gesprochen mit auf seine weitere Reise, die andere ließ er zurück. Es folgten die Byrds und bis zum heutigen Tage zahlreiche andere Folk-Rock-Konstellationen. Sie alle spielten und spielen eine Musik, die Dylan quasi im Vorbeigehen erfunden hatte – und von der er sich in späteren Jahren ebenso entschlossen wieder abwandte wie damals in Newport vom akustisch vorgetragenen Protestlied.

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