Moderat »III« / Review

Ein gutes Album steht und fällt auch mit dem Timing: Moderat bewegen sich zum richtigen Zeitpunkt weg vom Club, hin zum Wohnzimmer.

Wer jemals mit anderen Menschen Musik gemacht hat, weiß: Das gemeinsame Erschaffen von Songs erfordert einiges an Energie. Es ist schwierig genug, überhaupt eine gute Idee zu entwickeln, dann kommen sich erst noch die Egos aller Beteiligten in die Quere. Und jetzt das: Laut einer Studie aus der Kreativitätsforschung produzieren Gruppen in kreativen Situationen zwischen 20 und 50 Prozent weniger Ideen als Einzelpersonen. Manchmal vergehen Jahre, bis Bands ihren eigenen Sound gefunden haben, der nicht mehr wie ein Konglomerat aus einzelnen Versatzstücken, sondern wie aus einem Guss klingt.

Letzteres ist dem Berliner Trio Moderat mit seinem dritten Album gelungen. Der gemeinsame Nenner der 2003 gegründeten Elektro-Supergroup von Gernot Bronsert und Sebastian Szary von Modeselektor sowie Sascha Ring alias Apparat ist dabei zunächst gleich geblieben. Doch die zwischen Electronica und zeitgenössischer Bassmusik pendelnden Beats des Trios, die nur noch halb auf die Tanzfläche schielen, harmonieren besser als je zuvor mit dem weltschmerzhaften Gesang von Sascha Ring.

Die Komplexität der Welt reduzieren, wenigstens für einen flüchtigen Moment.

Allen Tracks haftet ein gewisses Pathos an, manchmal knistert es wie bei Burials nebulösen Rave-Dekonstruktionen, manchmal verlieren die Rhythmen ihr Gleichgewicht wie im wellenartig komponierten »Animal Trails«, bevor sich ein klagender Synthesizer gen Himmel streckt. Im Vordergrund steht dabei oft Rings melancholische Kopfstimme, die nicht selten an Thom Yorke erinnert und sich auf lyrischer Ebene mit Themen wie Verlassen-Werden und innerer Zerrissenheit der neuen Sehnsucht nach Existenzialismus nähert, ohne aufdringlich zu sein. »Burning bridges light my way«, heißt es in »Reminder« – ein Satz, der auch für das Album selbst stehen könnte. III erinnert nicht selten an das letzte Album von Jamie xx, der sich musikalisch ebenfalls weg vom Club, hin zum Wohnzimmer bewegt und dabei wie Moderat gekonnt zwischen Euphorie und Schmerz wechselt.

Ein gutes Album steht und fällt immer auch mit dem richtigen Timing. Das könnte besser nicht sein. Die neun Song gewordenen Dramen, an deren Ende mehr die Katharsis als die Katastrophe steht, kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Welt aus den Fugen gerät. Indem Moderat die kollektive Ekstase des Dancefloors mit individuellen Leiden verbinden, lösen sie ein klassisches Versprechen des Pop ein: die Komplexität der Welt reduzieren, wenigstens für einen flüchtigen Moment.

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