Das Label Tata Christiane

Tata Christiane

In Frankreich ist sie ein weit verbreitetes Phänomen: die Tante Christiane. In den Jahren von 1935 bis 1955 stets unter den Top Ten der beliebtesten Vornamen im Lande, sind die Christianes nun in allen Variationen und Facetten über das ganze Land verteilt. Alleine 1947 kamen 11.853 potenzielle neue Tanten hinzu. Die Christenheit, damals noch etwas präsenter als heute, freute sich, und in Paris bedeckten die Röcke noch die Knie.
   Dass im Jahre 2007 Hanri Gabriel und Julie Bourgeois ihr Label ausgerechnet Tata Christiane nennen (Tata ist die französische Koseform für Tante), mag erstaunen. Bourgeois oder konservativ ist an ihren Entwürfen absolut gar nichts. Sieht man die avantgardistischen Designs, merkt man schnell: Tragbarkeit ist Nebensache und die »nette Tante von nebenan« verdammt weit weg.
   »Wir waren auf einem Pariser Flohmarkt«, sagt Chefdesignerin Julie Bourgeois. Sie trägt vier verschiedene Schichten aus den unterschiedlichsten Materialien in mindestens 14 Farben übereinander und sieht kein bisschen kostümiert aus. »Hanris kleine Schwester war dabei, blieb ständig an den Ständen stehen und rief bei den extravagantesten, verrücktesten Kleidern: ›Das wäre was für Tata Christiane!‹« So entstand der Label-Name; eine Hommage an Hanri Gabriels Tante. Er nennt sie »höchst eigen«, die knallroten langen Haare seien noch das Normalste an ihr. Julie Bourgeois bezeichnet die Dame lächelnd als une machine extraordinaire.
   Eine Beschreibung, die auch äußerst gut auf das Künstlerkollektiv um Tata Christiane passt. Tatsächlich geht es in ihrer Arbeit um weit mehr als Mode. Tata ist eine ganze Welt.
   Die beiden Designer kennen sich seit ihrer Schulzeit in Marseille, anschließend zogen sie gemeinsam nach Paris, um zu studieren (Julie Bourgeois : Literatur und Philosophie, Hanri Gabriel: Architektur). Vor allem aber waren sie auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten für ihre Band Aniaetleprogrammeur. Die Mode trat erst später in den Vordergrund. »Die Musik war definitiv zuerst da«, sagt Bourgeois und rückt ihre übergroße Brille zurecht. »Die Band ist keinesfalls ein Nebenprojekt.« Soeben erschien das neue Album, The Friendly Expectations Of The Stars: Industrial-Elektro mit Punk-Attitüde.
   Als Bourgeois und Gabriel von Paris die Nase voll hatten, suchten sie Zuflucht in Berlin und trafen hier auf den Fotografen und Videokünstler Valquire Veljkovic, der aus Hamburg stammt. Er schloss sich dem Kollektiv an und übernahm die Verantwortung für Videos, Fotografien und sämtliches Artwork. Nicht nur geografisch haben die drei Künstler ihren Platz gefunden, auch künstlerisch ist dieser interdisziplinäre Austausch extrem fruchtbar und produktiv.
   Ob Tata Christiane allerdings mit ihren unzähligen Farben und dem aufregenden Materialmix auf dem minimalistischen deutschen Markt Fuß fassen kann, bleibt zu bezweifeln. Das Label inspiriert zwar, polarisiert aber auch.
   Ein Farbdiktat wird es nicht geben. »Ich möchte niemandem vorschreiben, was er oder sie zu tragen hat«, sagt Bourgeois etwas nachdenklich. »Für mich ist Mode die Projektion meiner Fantasie, und die ist nun mal bunt.« Richtig dosiert kann Tata Christiane den Trägern dazu verhelfen, spielerisch Risiken einzugehen, ohne zum »Modeopfer« zu werden. »Ich möchte, dass jeder sein Ding macht und nicht auf andere hört«, so Bourgeois.
   Die Stimmung kippt etwas, als die Designerin sich an eine Situation in ihrem Atelier erinnert. Sie wirkt plötzlich bedrückt und fast trotzig. »Eine ältere, elegante Dame kaufte neulich bei mir eine ausgefallene Jacke und strahlte über das ganze Gesicht, als sie den Laden verließ. Am nächsten Tag kam sie jedoch geknickt zu mir zurück und bat mich, die Jacke zurückzunehmen. Ihr Geld wollte sie nicht wiederhaben.« Julie Bourgeois steht auf und schüttelt ungläubig den Kopf. »Ich war total verwirrt, bis ich draußen vor dem Laden ihren Ehemann sah, der sie gezwungen hatte, das Stück zurückzubringen. So etwas darf nicht passieren!«
   Die Marke Tata Christiane steht auch für Freiheit und soll kein abstrakter Traum bleiben. In naher Zukunft würde Julie Bourgeois am liebsten Björk einkleiden. »Vielleicht sind wir das Label für ein anderes Leben«, sagt die Künstlerin. »Aber ich möchte, dass das andere Leben jetzt beginnt.«

Morgen, um 11 Uhr, zeigt SPEX erstmals das neue Musikvideo von Aniaetleprogrammeur und Valquire.

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