Moabit / Deichkind

Erstmal die Neukommer: aus Berlin, Moabit, genau. New Noise brachte vor einiger Zeit diese 12", die wollte Bass bis zum Gehtnichmehr, bot feiste Wortwucht und ein passables Aufgebot an dicken Beats und dreisten Scratches. Zum Hinhörn war das, zum Aufdrehn. Selten so lässig nett ein »Fick dich mal selbst« aufs Brot geschmiert bekommen (»Du willst, daß ich schweig«). Da hat die frische EP gleich’n Vorschussbonus weg. Den verspielt sie nicht, denn schon »Goldchromglänz« geht in gleichem Tempo nach vorn. Die geballte Bratzigkeit geht mal als Skills durch, riecht aber manchmal auch verdächtig nach lahmerer Vorliebe für Ami-Bad-Boy-4-Life-Styles. Die Battle-Bottomline: Moabit=Übershit geht trotzdem in Ordnung. Denn die Mission »Deutschland mit kommerziellem Schaufelbaggerrap vor der zunehmenden Realness im Bereich HipHop retten«, ist ehrenwert genug. Außerdem machen die zwei Instrumentals klar, dass neben dem Chefbass noch ’ne Menge Raum für blitzböse und arschsmarte Elektronik ist. Auch Deichkind haben mit dem Thema Realness nur noch wenig am Hut. Die Single »Limit« dürfte sich ja bereits jedem via Musikfernsehen in Netzhaut und Trommelfell gebrannt haben. Ganz groß, das! Die zärtlich-grobe Zwerchfellmassagevon »Limit« findet man so nicht wieder auf »Noch 5 Minuten, Mutti«. Dafür aber jede Menge von dem, was Malte und Buddy »Kulturgut« nennen: Jeden Stil nämlich, der nicht schnell genug auf die Bäume kommt. Gleich im Intro dröhnt Malte wieder schlimmsten Westernhagen-Altherren-Rocker. Eine harte Packung für die, die meinten, Deichkind wären reinrassige Rapper. Soundchecker und Genre-Hacker schon eher. »Wir wollten entertainy sein.« Die sind tatsächlich »geborn für das«. Derbe wie immer, albern bis zum Abwinken, soulful bis die Tränen kommen. Zwei Studios nennen die Herren jetzt ihr eigen und haben den neuen Komfort genutzt, um soviele Instrumente wie geht selber einzuspielen. Billig-Synthie ssind weiter mit von der Partie, aber »organischen« Swing beherrschen diese Typen eben auch. Was Kommerz angeht, sind die beiden Crews sich so ziemlich einig. Die Hamburger sagen: »Wir wachsen nicht mit der Szene, wir wachsen mit der Plattenfirma« und Moabit reimen sich das so zusammen: »Du schreist Untergrundüber alles, ich denke, du hast Angst. Du bist nicht Kommerz, weil du´s nicht willst, sondern weil du’s nicht kannst.« Und beide können, was das Deichkind machen will: »Musik, die doller ist als andere«.

LABEL: New Noise & Showdown

VERTRIEB: Labels / East West

VÖ: 21.10.2002

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