Mit Netflix ins Kino: »Beasts Of No Nation«

Fotos: Biennale di Venezia

Netflix will nach dem Fernsehen auch das Kino revolutionieren. Beasts Of No Nation ist der erste von Netflix produzierte Spielfilm. Und er gehört zu den bislang besten beim 72. Filmfestival in Venedig.

Es ist nicht lange her, dass Netflix-Chef Ted Sarandos auf einer Pressekonferenz während des letzten Filmfestivals in Cannes harsche Kritik aus dem Publikum entgegenschlug. In fünf, zehn, spätestens 15 Jahren werde die Politik des Streaming-Giganten, der zurzeit 65 Millionen Abonnenten in über 50 Ländern der Welt hat, das europäische Filmgeschäft zerstört haben, prophezeite ein französischer Journalist.

Die Kritik zielte auf die Tatsache, dass Sarandos Firma, die neuerdings nicht nur Serien, sondern auch Filme selbst produziert, keine Abschläge an europäische Filmfördertöpfe zahlt. Aktuell wendet Netflix zehn Prozent seines Budgets für eigene Filmproduktionen auf, in Zukunft solle der Anteil bei 50 bis 60 Prozent liegen, ließ die Firma verlauten; 2016 könnte Netflix Rechte an Filmen im Wert von 500 Millionen US-Dollar erwerben, berichtete Variety. Das Besondere an Netflix-Filmproduktionen ist, dass sie am Tag ihres Kinostarts auch im Internet als video on demand abrufbar sein werden – ein absolutes Novum für die Filmindustrie. In den USA galt bislang eine dreimonatige Sperrfrist, in Deutschland liegt sie bei staatlich geförderten Produktionen aktuell bei sechs Monaten, in Frankreich sogar bei drei Jahren.

Am 16. Oktober 2015 wird sich zeigen, ob ein zeitgleicher Kino- und Streamingstart funktionieren kann. Dann debütiert der soeben bei den 72. Filmfestspielen in Venedig vorgestellte Kriegsfilm Beasts Of No Nation in amerikanischen Arthouse-Kinos sowie auf Netflix. Die großen Ketten werden ihn nicht zeigen: Sie halten am Prinzip fest, nur Filme vorzuführen, die exklusiv bei ihnen laufen. Man kann jetzt schon spekulieren, wie lange sie das Prinzip aufrechterhalten werden. Netflix dürfte in den nächsten Jahren weitere Marktanteile erschließen, Ted Sarandos will nicht als Feind, sondern als Freund, ja vielmehr als Retter des Arthouse-Kinos auftreten. »Wir versuchen, Filme zu machen, die andernfalls nicht entstehen könnten«, so Sarandos. Auf Beasts Of No Nation trifft das nicht ganz zu: Der Film war bereits in weiten Teilen fertiggestellt, als ihn Netflix für angeblich 12 Millionen US-Dollar erwarb. Das erklärte Regisseur Cary Fukunaga auf der Pressekonferenz in Venedig.

Für den 38-jährigen US-Amerikaner, der als Regisseur der HBO-Serie True Detective sowie mit seinem Flüchtlingsdrama Sin Nombre und mit einer modernen Jane-Eyre-Verfilmung bekannt wurde, ist Beasts ein Herzensprojekt. Rund zehn Jahre soll er am Drehbuch gearbeitet haben, der Gedanke, einen Film über Kindersoldaten in Afrika zu drehen, sei ihm bereits während seines Politikstudiums gekommen, sagte er auf der Pressekonferenz. Allerdings habe er nicht gewusst, wie er die Idee umsetzen solle, bis ihm der 2005 erschienene Roman Beasts Of No Nation in die Hände fiel, das Erstlingswerk des amerikanisch-nigerianischen Autors Uzodinma Iweala.

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Für Filme mit einem derart schwierigen Sujet gibt es in den USA kaum einen Markt. Die von Kindersoldaten in Liberia handelnde französische Produktion Johnny Mad Dog lief 2009 auf dem Sundance-Festival, fand im Anschluss allerdings keinen US-Verleih. Das entmutigte Fukunaga, der sein Skript längere Zeit in der Schublade ließ. Später gab es weitere Hindernisse: Als der Regisseur 2013 endlich bereit war, in Ghana mit einem bescheidenen Budget von fünf Millionen Dollar mit dem Dreh zu beginnen, erkrankten er und mehrere Crew-Mitglieder an Malaria; sein Kameramann riss sich eine Sehne, sodass Fukunaga selbst die Kameraführung übernahm.

Die holprige Entstehungsgeschichte merkt man dem Film nicht an. Beasts Of No Nation besticht durch seinen Rhythmus, seinen Sound und seine stark an Claire Denis‘ White Material erinnernde Ästhetik, die Erzählstruktur folgt dafür einem eher konventionellen Aufbau. Keine Frage: Die Geschichte von Agu, aus dessen Perspektive der Film erzählt ist, ist berührend. Der etwa zehnjährige Junge lebt mit seiner Familie in einem nicht näher definierten westafrikanischen Land, in dem blutige Unruhen herrschen. Agus Dorf wird von Rebellentruppen gestürmt, die Mutter und die jüngeren Geschwister können fliehen, der Vater und die älteren Brüder werden ermordet. Agu, hilflos in der Wildnis umherirrend, läuft einer Rebellentruppe in die Arme. Er wird zum Kindersoldat ausgebildet, man gibt ihm Drogen, zwingt ihn zu töten, er wird von seinem Kommandanten sexuell missbraucht. Schließlich wird Agu von UN-Blauhelmtruppen befreit, die ihn in ein Waisenhaus bringen, wo er langsam mit psychologischer Hilfe sein Trauma aufarbeiten kann.

Das vorhersehbare, auf den Geschmack eines Massenpublikums zugeschnittene Ende ist eine der größten Schwachstellen des Films. Störend ist außerdem der etwas zu manipulative Charakter von Dan Romers Soundtrack, mag er auch noch so gelungen sein. Für die Filmmusik verzichtete Romer bewusst auf traditionelle afrikanische Klänge, er entschied sich stattdessen für kraftvolle Synthie-Sounds, mit denen er ein Gefühl von Angst erzeugen wolle, heißt es. Das ist ihm gelungen. Düstere Töne und ein immer stärker anschwellender Bass zeigen den sich zuspitzenden Gewissenskonflikt des auch Frauen und Kinder ermordenden Agu an. Im Interview mit Indiewire erklärte Fukunaga, der Gedanke, mit Tönen eine Geschichte zu erzählen, habe ihn schon immer gereizt, »vielleicht noch mehr als der visuelle Aspekt«.

Auch die Farben des Films haben großen Anteil an seiner mächtigen ästhetischen Präsenz. Das satte Grün der Büsche, das warme Ocker des Lehmbodens und der bunte, von Kostümdesignerin Jenny Eagan entworfene Schmuck der Kindersoldaten stehen in brutalem Kontrast zum düsteren Sujet des Films. Die Kameraführung suggeriert die Dominanz der Innenperspektive Agus: Viele Aufnahmen wurden mit der Handkamera gemacht, die Bilder sind verwackelt und auf Nahperspektive beschränkt. Agus Orientierungslosigkeit, verstärkt durch den ohrenbetäubenden Lärm des nicht enden wollenden Kugelhagels, lässt sich dadurch sehr gut nachempfinden. Unterbrochen werden diese Momente des Terrors in regelmäßigen Abständen durch lange Totalen: Fukunaga filmt mehrere Dutzend Kindersoldaten aus der Weite sowie aus der Vogelperspektive, in ruhigem Schritt ziehen sie fast anmutig durch das satte Grün einer nicht aufhören wollenden Hochebene.

Untermalt werden solch kontemplative Sequenzen durch die Stimme Agus, der die Geschehnisse in bildhafter Sprache mit einem Singsang-Englisch aus dem Off schildert: »Sun, why are you shining on this world? I want to squeeze you in my hands, so you shine no more.« Abraham Atta, der Agu spielt, wurde unter mehr als 1000 Kindern gecastet. Wie fast alle Darsteller bis auf den aus The Wire und Mandela: Long Walk To Freedom bekannten Idris Elba hatte Atta vorher keinerlei Schauspielerfahrung und wurde buchstäblich von der Straße gecastet, wo er als Verkäufer arbeitete. Seine Stimme aus dem Off wirkt wie eine Verschnaufpause zwischen den vielen Gewaltszenen. Sie hebt die Handlung auf eine andere Ebene, erfordert ein Nachdenken über das Sujet und ist unverzichtbar in einem Film, der auf politischen, historischen und religiösen Kontext verzichtet.

Ob Beasts Of No Nation auf einem Laptop-Bildschirm ein ähnlich kraftvolles ästhetisches Erlebnis ist wie auf einer Kinoleinwand, bleibt fraglich. Cary Fukunaga sorgt sich außerdem, ob das VoD-Publikum den Film überhaupt zu Ende schauen wird, schließlich dauert er stolze 136 Minuten. Für Netflix dürfte das keine Rolle spielen. Genau abgestimmt auf die Filmfestspiele in Venedig bietet die Firma ab nächstem Monat ihre Dienste auch in Italien an. Und zeitgleich berichtet Variety, auch Apple wolle in die Filmproduktion einsteigen. Bei allen Unwägbarkeiten steht eines fest: Das Kino dürfte sich in den nächsten Jahren gewaltig verändern.

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