Mistaken For Strangers im Kino, Peaches Does Herself auf DVD

Zwei Musikfilme, die tatsächlich doch keine Musikfilme sind: Mistaken For Strangers von und mit The National sowie Tollpatschregisseur Tom Berninger startet heute in den Kinos, Peaches Does Herself ist gerade auf DVD erschienen. Beide lohnen mehr als einen Blick.

Musikfilm-Mogelpackung plus Selbstinszenierung mal zwei, die Spoiler gleich vorneweg: In Mistaken For Strangers, gemeinhin als »der The-National-Film« bekannt, geht es nicht etwa um Musik; und Peaches Does Herself ist mit dem Wort »Film« mehr schlecht als recht beschrieben. Es handelt sich bei Letzterem viel eher um ein Dokument, nämlich um die Aufzeichnung eines Theaterprojekts, das Peaches im Jahr 2010 im Berliner HAU 1 realisierte. Wer die Aufführungen verpasst hat, kann sich die Erfahrung nun auf DVD ins Heimkino holen, ergänzt um ein paar schnelle Schnittfolgen, eine extended A­cappella-auf-dem-Chopper-Fahrrad-Version von »Fuck The Pain Away« im Abspann sowie um eine Menge Bonusmaterial – allerdings ohne den visuellen und sonischen Nachdruck, den das Ganze wohl im Theater entwickelte.

Peaches brachte für das Projekt all die performativen Errungenschaften ihrer Karriere in Form eines Greatest-Hits-Musicals zusammen: Sex-Politics als punkig burleskes Krach­elektro-Märchen mit Kunstblut, Laserharfen, einem Orakel in Riesenvaginaform und tollen Choreografien. Dabei entwickelt Peaches’ auf einen minimalistischen Nenner gebrachtes feministisches Programm – im Grunde funktioniert es durch Umkehrung: fatherfuckers statt motherfuckers, die Frau als Macho – immer noch einige Durchschlagskraft. Es hat etwas Befreiendes, einfach nur anzusehen, wie stolz und breitbeinig Peaches auf der Bühne steht, im goldenen Tittenpanzer, mit erigiertem (oder auch explodiertem) Plastikpimmel. Dass ausgerechnet an den Genrekonventionen des Musicals dann aber nicht rumgefummelt wird und das Bisschen narratives Gleitmittel zwischen den einzelnen Songs auf ein hanebüchen romantisierendes Szenario hinausläuft, nimmt diesem Nicht-Film doch einiges an Brisanz.

Mistaken For Strangers ist, entgegen der langläufigen Meinung, kein Film über die Band The National. Er ist nur unterwegs auf Tour mit einer der aktuell erfolgreichsten amerikanischen Rockbands entstanden. Nicht zufällig natürlich: Der bisher vollkommen unbekannte Regisseur Tom Berninger ist der Bruder von The-National-Sänger Matt Berninger. Und damit ist der alles antreibende Kon­flikt des Films auch schon benannt. Hier ist der seltene Fall von Selbstporträt, Familienaufstellung und Autotherapie in einem zu bewundern. Selten deshalb, da sich mit einem derart ego­fixierten und konzeptlosen Projekt kaum je ein Dokumentarfilmer an die Öffentlichkeit wagte. Umso schöner, dass Berninger das nun tut.

Er zeichnet sehr überzeugend das Bild eines Mittdreißigers, der einfach den Schuss nicht gehört hat – sein eigenes Bild: Metal-Fan, Nichtsnutz, Minderwertigkeitskomplexler, Profilneurotiker, aber mit durchaus einnehmendem Verlierercharme gesegnet. Dieser Typ geht als Roadie mit der Band seines älteren Bruders auf US­ und Europatour, schafft es, die einfachsten Aufgaben konsequent nicht zu erledigen, sich in den unpassendsten Momenten volllaufen zu lassen und, wenig überraschend, bald gefeuert zu werden. Dabei filmt er sich ständig selbst. Gängige Doku-Standards – Interviews mit den Bandmitgliedern zum Beispiel – gibt es zwar, sie bleiben im Film aber Fremdkörper und werden nur als Therapiesitzungen für die Aufarbeitung des Bruder-Bruder-Verhältnisses produktiv. Die Konzertaufnahmen dienen nur als Kulisse, der Regisseur scheint die Musik auch nicht besonders zu mögen, beweist dafür aber eine Vorliebe und einen untrüglichen Instinkt dafür, von den Metropolen, in denen die Tour Station macht, immer die unspektakulärsten und gesichtslosesten Ecken zu zeigen.

Ein Fiasko von einem Film also – dessen wundersame Pointe darin besteht, dass er überhaupt fertiggestellt wurde. Und dass er in seinem letzten Abschnitt eben auch zeigt, wie er fertiggestellt wurde. Wie das vonstatt­en geht, das ist tatsächlich herzerweichend mitanzusehen. ein Hoch auf die Selbstheilungskräfte!

Dieser Artikel entstammt SPEX N°354, unserer aktuellen Ausgabe, die es derzeit am Kiosk und online versandkostenfrei im SPEX-Shop gibt.


PEACHES DOES HERSELF
D 2012
REGIE: PEACHES
MIT PEACHES, DANNI DANIELS, SANDY KANE U. A.


MISTAKEN FOR STRANGERS
USA
REGIE: TOM BERNINGER
MIT TOM BERNINGER, MATT BERNINGER U. A.