Miss Grace Jones

Spex #316 liegt ab dem 22. August am Kiosk. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Editorial Spex #316

Auf Sand gebaut: Autobahnbrücke in Neapel

(Foto: © Max Dax / SPEX)

Dass die Camorra existiert, meint man auch an den Autobahnbrücken zu erkennen, welche die erdbebengefährdete Stadt Neapel überziehen. Der italienische Autor Roberto Saviano verfasste im letzten Jahr seinen beeindruckenden Bestseller »Gomorrha« – über die Verfilmung schreibt Ekkehard Knörer in dieser Spex auf Seite 105. »Wir befinden uns im Krieg und wissen nicht, wer ihn gewinnen wird«, formulierte, als nähme er direkt Bezug, der Regisseur Luis Buñuel kurz vor seinem Tode in seinen Memoiren »Mein letzter Seufzer«. Den Satz sagt bei Buñuel ein Anarchist, der während des spanischen Bürgerkriegs ein Dorf besetzt und dort mit seiner Bande für wenige Tage ein anarchistisches Intermezzo etabliert. In einem einzigen Satz hallt ein Universum der Optionen nach. Geendet hat das kurze Intermezzo dann allerdings mit einem Blutbad.

    Buñuels Zitat ziert in dieser Ausgabe unsere Seite 35, auf welche die Spex-CD geklebt ist. Auf der Stecktasche der CD prangt das Zitat »Wir tranken und sahen einander lächelnd an«, es stammt aus dem Roman »Die Haut« von dem italienischen Schriftsteller Curzio Malaparte und umreißt in wenigen Worten eine Gesprächssituation, die Malaparte in Neapel mit seinem amerikanischen Armeefreund Jack erlebt. »Die Haut« spielt im Nachkriegsitalien, Neapel ist besetzt von den Amerikanern – in den Trümmern der Stadt scheint alles möglich; Planet der Imagination. In seinem Gedicht »Argumentum ornithologicum« schreibt der argentinische Lyriker Jorge Luis Borges: »Ich schließe die Augen und sehe einen Vogelschwarm« – das Zitat schmückt die exklusiv für unsere Abonnenten gepresste Spex-DVD, die diesmal René Polleschs Film »Stadt als Beute« enthält.

    Vielleicht ist in unseren heutigen Zeiten, in denen die Subkultur im Straßenbild geradezu unsichtbar geworden ist und vermehrt virtuell auf YouTube und MySpace stattzufinden scheint, ein Rückzug ins Private angesagt, und damit einhergehend eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Literatur. Vielleicht ist es aber auch so, dass gerade die virtuelle Subkultur auf die echte Welt rückkoppelt – beispielsweise, wenn Rainald Goetz ausgerechnet auf vanityfair.de seinen »Klage«-Blog veröffentlichen konnte. In seinem öffentlichen Tagebuch lotete Goetz die Möglichkeiten des Schreibens in der digitalen Welt aus. Obwohl den Lesern des Blogs längst bekannt, dürfte die nun erscheinende gebundene Ausgabe von »Klage« das mit Abstand beeindruckendste Buch dieses Herbstes sein. Rainald Goetz schlug in einer freundlichen Email unsere Bitte nach einem Interview aus – Thomas Hübener übernahm die Vakanz und schrieb einen langen Artikel über die Gegenwartsrelevanz von »Klage« – zu lesen ab Seite 114.

    Womit wir beim Thema wären: In der vierten Folge der Spex-Serie »Digitale Evolution« – ab Seite 60 – befragten wir dieses Mal mit Thomas Ruff einen bildenden Künstler, mit Wolfgang Voigt einen Musiker und mit Christoph Hochhäusler einen Filmregisseur nach Fluch und Segen der kulturellen Umwälzungen, die mit dem Siegeszug der digitalen Technologie einhergehen. Ihre Antworten öffnen Türen zur Zukunft und beweisen einmal mehr, dass man über Musik, Film, Literatur und Kunst horizonterweiternd sprechen kann – und dass eine richtige Antwort auf die Kleinteiligkeit und Schnelligkeit des Internets darin liegen kann, in einer Zeitschrift zu entschleunigen, den Gedanken freien Raum und freie Zeit zu schenken.

    An der Zeit wäre um ein Haar unsere Titelgeschichte über Miss Grace Jones gescheitert. »Sie lebt nicht in unserer Zeit, sie lebt in ihrer eigenen Zeit«, lautete lapidar der Kommentar ihres Managers, als zwei Tage vor Drucklegung das noch am Vortag bestätigte Interview abgesagt wurde. Am Ende klappte das Interview dann aber doch noch, was uns und vor allem Jan Kedves überaus freut, da wir gefühlte zwanzig Jahre (tatsächlich waren es 19…) auf ein neues Album der aus Jamaika stammenden Sängerin warten mussten. Dass es als einer der ganz großen Pop-Entwürfe Ende dieses Jahres auch in den Bestenlisten wieder auftauchen wird, steht außer Frage. Und rückblickend bestätigt die Power von »Hurricane«, so der Titel von Jones’ Comeback-Album, alle Thesen unseres großen Reggae- und Dub-Specials im letzten Heft.

    Max Dax


PS: Diese Ausgabe entstand unter tatkräftiger redaktioneller Mitwirkung von Kirsten Riesselmann, die in vergangenen Ausgaben der Spex bereits als Autorin und Weltenbummlerin auffällig wurde (von ihr stammte etwa die Peking-Story in Spex #308).

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