Mirel Wagner When The Cellar Children See The Light Of Day

Mit When The Cellar Children See The Light Of Day präsentiert Mirel Wagner erneut apokalyptischen Seelen-Blues, fern von Kunsttitten und Shopping Malls, in der patinierten Poesie des Pittoresken.

»Es gibt sie noch, die guten Dinge.« Mirel Wagners Musik ist elementar, handwerklich gut gearbeitet und reduziert auf einen zeitlosen Kern aus apokalyptischem Seelen-Blues und Melancholie. In ihr ist die Welt zwar auch nicht in Ordnung, aber zumindest gibt es da keine iPads, Shopping Malls und Kunsttitten. Fände sich im zum Langweilergott der Nachhaltigkeit betenden Manufactum-Katalog, aus dem die eingangs zitierte Feststellung stammt, die Kategorie »Musik«, dann wäre eine Platzierung an prominenter Stelle der in Äthiopien geborenen und als Säugling von einer finnischen Familie adoptierten Songwriterin sicher.

Auch auf ihrem zweiten Album, When The Cellar Children See The Light Of Day, durchmisst die minimalistische Folk-Blues-Chanteuse Landschaften, in denen es spukt und die patinierte Poesie des Pittoresken wohnt. Hatte sich die junge Frau bei ihrem Debüt 2011 noch gegen wohlmeinende Vorschläge gewehrt, ihre allein mit Akustikgitarre in Szene gesetzten Southern-Gothic-Songs mit zusätzlichen Arrangements auszukleiden, so finden sich jetzt gelegentliche Slide-Gitarren, Klavierklänge und Streicher. Glücklicherweise fallen sie in die eher kargheitsunterstreichende als zukleisternde Gattung »Tupfer«. Positiv fällt in die Waagschale, dass Wagner nicht mehr versucht, wie die späte Billie Holiday nach Heroinentzug an einem besonders Gin-lastigen Abend zu klingen. Verlebtheit und vokale Brüchigkeit klingen bei einer kerngesunden Mittzwanzigerin nun mal wenig überzeugend. Dafür muss sie ein klein wenig aufpassen, es mit der Verr(a)uchtheit nicht zu übertreiben.

Der sich im Titel des Albums ankündigende Widerspruch zwischen dem Einnehmen einer Underdog-Rolle und der eigenen Lebenswirklichkeit lässt sich indes schwer auflösen: Wagner hat den Blues und schreibt sich musikalisch in die Klagegesänge der Altvorderen ein. Doch anders als Hillbilly-Pionier Dock Boggs musste sie sich ihr Instrument nicht aus einer gegen eine Uhr eingetauschten alten Knarre bauen. Wagner wuchs in behüteten bürgerlichen Verhältnissen auf, in denen es an Zuwendung und musischer Frühförderung (Geigenunterricht) und vielleicht auch an Aprikosenkernöl (24,80 Euro für 200 Milliliter) nicht fehlte. Ein »Kellerkind« war sie nie. Das lässt die neorealistische Schilderung einer düsteren Welt voller schrundiger Wunden, wie sie Wagner in einer äußerst intim arrangierten Beichtstuhlatmosphäre bietet, die alles andere als Rollenprosa sein möchte, manchmal als Pose erscheinen.

Wer wie das Gros der Feuilletonisten, die ihr famoses Debüt lobten, in Wagners Musik vor allem den Abdruck prädigitaler Unverfälschtheit feierte, kann sich fragen, was das verzückte Verehren einer schwarzen Sängerin mit Akustikgitarre, der das Mississippi-Delta näher ist als moderne Datenhighways, über uns selbst sagt: über unsere exotistischen Sehnsüchte und unsere antimodernistische Angekotztheit von den urbanen Leben, die wir führen (oder sie uns). Solche Fragen tun dem Umstand, dass hier mit When The Cellar Children See The Light Of Day ein weiteres fabelhaftes Album vorliegt, das sich neben PJ Harvey, Nick Cave und Odetta gut im Plattenschrank ausnimmt, jedoch keinen Abbruch.

Das Album gibt es derzeit bei NPR.org im Stream.

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