„Mir gefällt nichts!“ – Designerin Christa de Carouge ist tot / Modegespräch aus SPEX No. 353

Foto: Mara Truog

„Schwarz ist die Konzentration auf das Wesentliche“, sagte Christa de Carouge einmal über ihre praktischen, gut kombinierbaren und stets in Schwarz gehaltenen Entwürfe. Im Gegensatz dazu standen die kunstvollen, performancehaften Präsentationen und Modenschauen ihrer Kollektionen. Carouge kam als Christa Furrer 1936 in Basel zur Welt. Nach High-Society-Jahren an der Seite ihres damaligen Ehemannes im Genf der Sechzigerjahre und einer Scheidung, bei der sie finanziell wieder von vorne anfangen musste, eröffnete Carouge 1978 ihre erste Boutique und führte fortan ein selbstbestimmtes Leben als Modedeschöpferin und Kostümdesignerin. Am Dienstag ist sie überraschend gestorben. SPEX traf Carouge im im Frühjahr 2014 zum Interview.

Lange bevor junge Labels wie Augustin Teboul Kollektionen präsentierten, die komplett in schwarz gehalten waren, gab es die Schweizer Modedesignerin Christa de Carouge. 1965 stieg sie mit ihrem damaligen Ehemann ins Modebusiness ein und steht seither für Eleganz, Radikalität und Reduktion – ganz ohne Farbe. Sie empfängt in ihrer Züricher Loftwohnung, die – wie sollte es anders sein – komplett in Schwarz- und Grautönen gehalten ist. De Carouge trägt eine elegante Tunika, spricht bedächtig, und wenn sie auf Deutsch die Worte nicht findet, wechselt sie ins Französische. Beim Gespräch über Japan, Prostituiertenmode und Provokation in der Modeindustrie ständig auf ihrem Schoß: ihr schwarzer Cockerspaniel Sushi.

Christa de Carouge, Sie werden sehr oft als la dame en noir bezeichnet. Gefällt Ihnen dieser Titel?
Ja. Es ist nun mal so, ich fühle mich gut getroffen. Ergeben hat sich das 1983, nach meiner ersten Präsentation in Genf. Da habe ich zum ersten Mal eine komplett schwarze Kollektion gezeigt. Das war ein Event, das Medieninteresse war gewaltig. Von da an war ich die „schwarze Dame“. (lacht) Ich war ursprünglich Grafikerin und bin erst über meinen ersten Mann mit Mode in Berührung gekommen, er war Textilkaufmann. Aber mir schwebte anderes vor. Nach der Scheidung habe ich mir gesagt: „Jetzt mache ich, was ich will!“, und habe 1978 die Marke Christa de Carouge gegründet.

Wie die Stadt Carouge bei Genf?
Genau, dort lebte ich damals, und daher rührt auch mein Künstlername. Fünf Jahre lang musste ich Aufbauarbeit leisten und herausfinden, was ich wirklich wollte. Warum will ich Mode machen? Wieso komme ich darauf? Ich habe mich dann zurückversetzt in meine wunderbaren Jugendjahre, als ich auf der Kunsthochschule in Zürich war. Das war 1950, der geniale Bauhaus-Künstler Johannes Itten war damals noch Direktor. Ein radikaler Mann – und immer schwarz gekleidet! Die ganze Stimmung war radikal, und ich als junges Mädchen fühlte mich sehr vom Existenzialismus angezogen. Jean-Paul Sartre, Juliette Gréco, Simone de Beauvoir. Das waren unglaubliche Menschen!

Gab es besonders prägende Erlebnisse in dieser kreativen Zeit?
Ich erinnere mich an einen Lehrer an der Kunsthochschule im Fach wissenschaftliches Zeichnen. Zur ersten Stunde mussten wir Bleistifte in verschiedenen Härten und eine Orange mitbringen. Dann kam die Ansage: „So, jetzt spitzen wir die Bleistifte an!“ Ich wusste gar nicht, was er von uns wollte, unsere Stifte waren ja brandneu. Doch der Lehrer bestand darauf, dass die Stifte zwar neu, aber nicht angespitzt waren. Er nahm den Stift und fing an, die Mine mit einem Messer zu schnitzen, um sie anschließend mit Schmirgelpapier und schließlich mit Seidenpapier zu polieren. Die Bleistiftspitze sah danach aus wie eine Nadel. Ich sehe das immer wieder vor mir und werde es nie vergessen.

Und was hatte es mit der Orange auf sich?
Am Nachmittag kam er zu mir und fragte: „Christa, was siehst du in dieser Orange?„ Nun, ich sah eine Schale mit Pünktchen. Doch das reichte ihm nicht. Er sagte, ich müsse mit meinen Augen in die Orange eindringen. Die Augen würden zur Linse, und dann würde ich Krater sehen und Schattierungen und Licht. Und tatsächlich: Es ist unglaublich, was man sehen kann, wenn man sehen kann! (fasst die Bluse der Interviewerin an und sieht sich den Stoff ganz genau an) Im Anschluss mussten wir die Orange wie eine Fotografie zeichnen, und wir konnten das plötzlich, mit unserem neuen Blick auf die Welt. Das war eine solche Lehre für mich. Wenn man richtig sehen kann, hat man eine Meinung, und dann besteht die Chance auf einen Dialog.

Das prägte Sie so sehr, dass Sie sich fast 30 Jahre später darauf zurückbesannen?
Ja, es war wohl die prägendste Zeit meines Lebens. Das war alles in mir drin, ich hatte es nur jahrelang nicht ausgelebt. Als ich meine erste Kollektion kreierte, kam die Zeit. „Jetzt, jetzt, jetzt ist der Moment!“, sagte ich mir. Da ich aus dem Bereich der Grafik komme, fing ich an, sehr architektonisch zu denken. Ich bin ein großer Fan von Le Corbusier und seiner Philosophie. Er baute nicht einfach nur Häuser, die er irgendwo hinstellte. Er warf Fragen auf: Warum stelle ich es dahin? Was bedeutet das? Welcher Mensch soll hier leben? Das sind die gleichen Fragen, mit denen ich mich heute befasse: Welcher Mensch soll in meinen Kleidungstücken leben? Wer zieht mich an? Kleider sind Häuser für den Körper. Meine erste Kollektion war ein riesiger Erfolg, die Leute hatten auf so etwas gewartet. Nur schwarz! Ganz elitäre Formen! Architektur am Körper!

Das war radikal und provokativ, gerade in der heilen Welt der Schweiz.
Ja, es war auf jeden Fall eine Provokation. Aber keine Provokation um der Provokation willen, wie es heute so oft der Fall ist. Mir fällt derzeit nur ein einziger Modedesigner ein, der noch eine Haltung einnimmt: Rick Owens. Er macht sich Gedanken um die Welt und reflektiert diese in seiner Mode, er bleibt dabei nicht an der Oberfläche. Protest, wie damals im Existenzialismus, existiert heute nicht mehr. Aber intelligente Provokation haben wir bitter nötig. Meine Provokation damals lag aber nicht nur in den Farben und Schnitten, sondern auch in der Qualität: Ich habe die alten, bewährten Stoffe, die man vielleicht eher mit Spießertum in Verbindung brachte, genommen und etwas komplett Neues damit gemacht. Aber Provokation hin oder her: Es geht immer auch um Schönheit und gute Form.

„Kleider sind Häuser für den Körper.“

Und warum gerade Schwarz?
Schwarz ist meine Lieblingsfarbe, und ich hatte mir ja geschworen, nur noch zu machen, was ich will. Schwarz war die Konsequenz daraus. Außerdem habe ich gespürt, dass es da draußen Leute gibt, die ähnliche Sehnsüchte wie ich haben und so etwas anziehen möchten. Schwarz ist grenzenlos, es gibt unzählige Arten von Schwarz und so viele Strukturen. Viele Jahre lang blieb ich beim Schwarz, bis meine Kunden irgendwann sagten: „Wir haben jetzt wirklich furchtbar viele schwarze Sachen im Schrank, Christa!“ und fragten, ob ich nicht mal etwas mit Farbe machen könnte. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen! Was denn für eine Farbe? Höchstens Rot konnte ich mir noch vorstellen. Sehen Sie, wenn man einmal mit Farben anfängt, kommt man da nicht mehr raus! Dann geht es los. Dann denkt man bunt, und das ist nicht mein Denken.

Haben Sie selbst denn nie mit Farben experimentiert?
Doch, ich habe es ausprobiert und bin sogar in Farbe auf die Straße gegangen. Aber ich habe mich selbst nicht mehr erkannt. Ich hatte keinen Respekt mehr vor mir selbst. Es war so fremd, das war nicht ich. Das war es für mich mit den Farben.

War wenigstens Ihr Brautkleid weiß?
Ja, tatsächlich war es das. Meine Mutter hat es mir nach dem Vorbild von Audrey Hepburn genäht. Es war aus weißem Samt, mit einem passenden Mantel. A-Linien-förmig, so wie die Kleider von Givenchy damals waren. Man muss ja bei so einer Hochzeit auch der Familie gefallen und also Kompromisse machen. Dieses Heiraten war eine mühsame Angelegenheit! (lacht) Das würde ich heute nicht mehr machen.

Heiraten oder weiß tragen?
Beides! (lacht) Mein erster Mann und ich waren sieben Jahre lang zusammen, aber dann hat es einfach nicht mehr funktioniert. Das muss man sich dann auch eingestehen.

Und der zweite Anlauf?
Ach Gott, das war eine Trotzkopfübung, die ganze neun Monate gedauert hat. Der Typ war ein vollkommener Idiot, ein großer Fehler. Danach hatte ich erst mal die Nase voll und wollte sehr lange alleine sein.

 

Foto: Mara Truog

Richteten Sie in dieser Selbstfindungsphase Ihren Blick auf Japan?
Ja. Japan bedeutet mir alles, ich habe meine Seelenverwandtschaft in Japan gefunden. Ich habe dort wunderbare, respektvolle, schöne Menschen gesehen. Die japanische Auffassung von Ästhetik hat mich sehr beeindruckt: Alles hat eine Bedeutung und ist auf das Essenzielle reduziert. Ich habe mit einem Mönch in einem Tempel meditiert, das war für mich das Allergrößte. Danach habe ich sehr intensiv mit Kyūdō, japanischem Bogenschießen, angefangen. Wissen Sie, man schießt nicht einfach, um zu schießen. Es geht um die innere Haltung, denn man schießt in sich selbst hinein. In Japan habe ich die Schönheit der Ruhe entdeckt. Es gibt nichts Befriedigenderes, als mit Japanern zu diskutieren, das ist eine solch respektvolle Angelegenheit. Die ganze Lebensart, das Essen, die traditionelle und die moderne Architektur, die Philosophie! Auch Zen-Buddhismus hat mich sehr fasziniert.

Sie haben sich auch von buddhistischen Mönchen inspirieren lassen, die nur ein einziges Kleidungsstück besitzen. Muss die komplette Reduktion das Ziel sein?
Ja, so weit wie die Mönche möchte ich auch noch kommen. Sie besitzen ein Kleid, manche vielleicht zwei, und es ist einfach immer gleich. Es ist nur schön und von wunderbarer
Qualität. Die Kimonos sind nicht aus Seide, sondern aus einem unglaublich tollen Polyester. Die Machart ist aufwändig, aber ein Kleid reicht. Sollte das mal kaputtgehen, bekommt man wieder genau das gleiche. Man orientiert sich modisch nicht an der Saison oder dem Alter. Man hat wenig, aber was man hat, ist von Qualität. Es braucht wirklich nicht mehr. Die Reduktion ist so etwas wie meine Lebensaufgabe geworden, aber sie ist auch heute noch nicht ganz erfüllt. Wir sind doch alle vom Konsum beeinflusst, ich schließe mich da nicht aus, obwohl ich versuche, mit dem Essenziellen zu leben. Aber manchmal hat man plötzlich Lust darauf, etwas Neues zu besitzen, es ist schwierig, da zu widerstehen. Immerhin die Reduktion auf Schwarz habe ich erreicht.

Bewundern Sie japanische Modedesigner?
Ich bin verrückt nach ihnen! Comme des Garçons, Yohji Yamamoto, Issey Miyake, das sind die großen Meister.

„so weit wie die Mönche möchte ich auch noch kommen.“

Was ist anders an ihnen?
Ihre Courage. Diese japanische Welle war ein Gongschlag in der schlafenden Modewelt. Das Revolutionäre und Radikale hat mir gefallen, sie haben viel bewegt. Und ich durfte alle drei kennenlernen. Yohji ist ganz schüchtern, und Rei Kawakubo sprach auch kaum, hat aber eine unglaubliche Ausstrahlung. Issey Miyake ist ein absolut verrückter Sonnyboy, ein wunderschöner, lustiger Mensch. Heute lebt er ganz zurückgezogen, seine Marke wird von anderen Designern fortgeführt.

Wäre das für Christa de Carouge auch denkbar?
Nein. Wissen Sie, das kann man mit einer großen Marke machen. Ich wollte nie groß werden. Ich habe den Kuchen gerne mit anderen geteilt, ich wollte nur ein kleines Scheibchen.

Hat Paris nie gerufen?
Nein, ich wollte nie die ganze Welt anziehen. Mir widerstrebt es, Mode als Business zu sehen. Wenn man einmal da reinfällt, ist man gezwungen, alle sechs Monate diesen riesigen, kostspieligen Tingeltangel-Zirkus mitzumachen. Dafür ist mir das Leben zu wichtig. Ich wollte nie an die Börse gehen. Es ist auch völlig aus dem Ruder gelaufen, was solche Defilees heutzutage kosten. Das ist der Horror! Ich möchte lieber den künstlerischen Aspekt der Mode ausleben.

Was halten Sie von der heutigen Mode?
Ich halte von der heutigen Mode gar nichts. Mir gefällt nichts. Das einzige, was mir gefällt, ist, dass alles möglich ist. Ich laufe ja gerade in Sandalen herum, weil meine Füße Luft brauchen und es einfach so bequem ist, obwohl das nicht unbedingt der Saison entspricht. Es ist toll, dass diese Grenzen verschwimmen und jeder Mensch seinen eigenen Stil ausleben kann.

Und trotzdem sehen alle gleich aus.
Ja, es ist ein Gruppenleben. Die Leute denken und leben in Gruppen, alle sind wie uniformiert. Es ist lustig, sie haben die gleichen Frisuren, das gleiche Make-up, die gleichen Turnschuhe. Aber auch das wird sich wieder ändern. Was mir hingegen gar nicht gefällt, ist, dass die meisten Frauen nicht alt werden wollen und die ewig jungen Hühner mimen. Dazu diese Prostituiertenmode an den Frauen. Grauenhaft! Da gefällt mir eine echte Prostituierte hundertmal besser, weil sie ehrlich ist. Frauen, die sich so geben und nicht so sind, finde ich traurig und abscheulich. Es stört mich, wie kopflos Mode kopiert wird. Alle wollen so sein wie die Menschen auf den roten Teppichen dieser Welt. Das kommt natürlich aus einer tiefen Unsicherheit heraus. So ist die heutige Zeit. Muss man da mitmachen? Nein, muss man nicht.

War das früher denn so anders? In den Siebzigern waren ja auch alle scharf auf Schlaghosen.
Aber wir hatten doch gar nicht so viel Auswahl! Es war nicht so einfach, an die Sachen zu kommen. Trotzdem ich muss schon lachen, wenn ich heute die Miniröcke sehe, die Mary Quant erfunden hat. Früher trug man die mit Ballerinas und nicht mit High Heels. Die Frauen heute laufen ja rum wie Nummerngirls. Ich fand zu viel nackte Haut schon immer schwierig, ich trug auch in den Sechzigern keine Shorts oder Miniröcke. Ich fand das eklig. Coco Chanel würde das auch so sehen.

 

Foto: Mara Truog

Der Londoner Shop BIBA hat damals Trends gesetzt. Waren Sie eine Anhängerin?
BIBA! Wow! Das war ein Ort, wo man hin musste! 1965 hat es angefangen mit dem Swinging London, der Carnaby Street, der Kings Road. Es war ein riesiger Laden, ganz dunkel, sie haben ausschließlich sehr laute Musik von den Supremes gespielt. Man durfte die Kleidung selbständig von den Stangen nehmen, ganz ohne Hilfe einer Verkäuferin. Das war neu! Es gab eine riesige Umkleidekabine, die wie ein französisches Boudoir aussah. Mit goldenen Rahmen und falschen Palmen und voller hübscher Frauen. Ich saß dort stundenlang, habe die Musik gehört, die Kleider angesehen und dachte nur: Das ist jetzt wirklich Bombe total! Ich wurde sehr beflügelt von diesem Swinging London, es war eine Zeit des Aufbruchs. Barbara Hulanicki, die Besitzerin, habe ich sogar kennenlernen dürfen. Leider wurde sie größenwahnsinnig, BIBA hatte plötzlich eine Kinderabteilung, eine Herrenabteilung, Kosmetika, später Möbel. Sie haben sich übernommen, dann ging es bergab. Aber früher ist man für Mode noch weit gereist. Um Schuhe zu kaufen, nach Mailand, dann nach Paris, um Hüte zu finden, und eben nach London zu BIBA.

Heute bekommt man alles en masse um die Ecke oder online. Unsere Gesellschaft wird gerne pauschal als „Wegwerfgesellschaft“ bezeichnet. Wie stehen Sie dazu?
Da habe ich eigentlich wieder Hoffnung, dass sich die Dinge zum Positiven verändern werden. Ich glaube, man lebt zunehmend überlegter, ich stelle eine Rückkehr zu alten Werten fest. Auch beim Thema Nahrung – weniger ist mehr, und Einfachheit ist das Ziel. In der Mode beginnt die Nachhaltigkeit mehr zu zählen, die Leute stricken und nähen wieder. Ich glaube, das Handwerk wird wieder aufblühen, das wäre auch sehr wünschenswert. Man hat die Nase voll vom Überfluss. Gerade wenn man in diese Billigläden oder die großen Ketten geht: Die Läden quellen über vor Ware, und es ist nie ausverkauft! Nicht mal nach dem Ausverkauf! Dann sind die Regale immer noch voll. Wie geht das? Es gibt zu viel von allem. Ich hoffe, dass die neuen jungen Designer nicht dem Größenwahn verfallen, sondern sich auf Qualität konzentrieren.

„Die Läden quellen über vor Ware, und es ist nie ausverkauft! Nicht mal nach dem Ausverkauf!

Neben Ihrem Qualitätsanspruch, war Ihnen auch der praktische Aspekt stets wichtig. Wie kamen Sie auf die Idee für Ihr berühmtes „Fatima-Set“?
Die bekannte Reisejournalistin Dr. Charlotte Peter ist eine gute Bekannte von mir, wir gingen oft zusammen auf Reisen. Besonders Asien und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten es ihr angetan. Eines Tages zeigte sie mir ein Polaroid von sich und sagte: »Jetzt schau mal, wie wir Frauen aussehen, wenn wir am Flughafen ankommen! Da bekommt man so einen hässlichen Überwurf und ein komisches Tuch, um sich zu verschleiern!« Und es stimmte, sie sah wirklich furchtbar aus. (lacht) Dann fragte sie mich, ob ich nicht etwas entwickeln könnte, das Frauen auf Reisen in solchen Gebieten stilsicher auftreten lassen könnte. Das tat ich, und die Frauen rannten mir die Türen ein. Das „Fatima-Set“ bestand aus einer weiten Hose, einem knöchellangen Kleid mit langen Ärmeln, einer Cagoule-Kapuze und einem riesigen Tuch. Verpackt war das Ganze in einer wattierten Umhängetasche, die gleichzeitig als Reisekissen fungierte. Es war aus Crêpe de Chine und natürlich schwarz. Seide wäre auch schön gewesen, ist aber zu unpraktisch. Überhaupt ist Seide nicht mehr zeitgemäß! Ab ins Museum mit der Seide!

Ende Januar haben Sie nach 26 Jahren Ihr Geschäft geschlossen. Hat Ihnen das Schmerzen bereitet?
Nein, es hat mir kein bisschen wehgetan. Es war zu Ende, außerdem hatte ich mich gut vorbereitet. Wichtig ist, dass man aufhören kann. Ich war letztes Jahr sehr schwer krank, und das hat mir zu denken gegeben. Ich dachte: So, ich bin jetzt bald 78, vielleicht reicht es auch mal. (seufzt schwer) Ich bin gerne unabhängig und habe mir gesagt: Ich höre auf, bevor man mich aus meinem Geschäft tragen muss. Ich brauche keinen festen Ort mehr. Gerade arbeite ich zu Hause an einer neuen Kollektion für 2015. Es wird nur eine Show geben, da präsentiere ich alles und komme wie ein Nomade mit der Ware vorbei. Wie ein Marktfahrer komme ich, und dann muss man kaufen, denn danach bin ich wieder weg. Ich will mich nirgendwo mehr festhalten. Kommen und gehen, das ist doch das Leben. Eine irrsinnige Idee! Und die Kollektion ist natürlich schwarz – Schwarz ist die Farbe des Lichts. Le noir, c’est la lumière!

Dieses Interview ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 353 erschienen. Das ist nach wie vor versandkostenfrei online bestellbar.

 

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