Miley Cyrus »Miley Cyrus & Her Dead Petz« / Review

Selbst das nackige Reiten auf dem »Wrecking Ball« hatte ja durchaus einen doppelten Boden. Hätte man das alles früher sehen können?

Dass jetzt auf einmal alle so beeindruckt sind von Miley Cyrus, zeigt vor allem eins: Die alten Unterscheidungen funktionieren noch so gut wie zu Zeiten, sagen wir, Adornos: Da gibt es echte, ernste Musik auf der einen Seite, die kann ihren Beitrag leisten zu einer vielleicht nicht ganz so beschissenen Welt. Und auf der anderen Seite, der Seite der Industrie, gibt es all die seelenlosen, kalten, verheizten Puppen an den Strippen. Die Britney Spears‚, Katy Perrys und all die anderen, die mitmachen beim großen Betrug. Alles fake, alles maximal sedierend. Natürlich ist das Quatsch. Es gibt gute Images und schlechte, es gibt smarte Kunstfiguren und hohle, es gibt fortschrittliche Ideen und reaktionäre. Mal unters Volk gebracht von Majors, mal DIY.

Aber was ist eigentlich passiert? Miley Cyrus, diese angeblich so leere, seelenlose, hübsche Hülle mit coolem Haarschnitt hat ihr neues Album Miley Cyrus & Her Dead Petz überraschend auf Soundcloud zur Verfügung gestellt. Das Label habe mit der Produktion dieser Platte nichts zu tun. Dies sei Mileys Werk und ihre Idee, ihre Fans zu beglücken. Personal von den Flaming Lips hat mitgearbeitet, der gerne überschätzte Ariel Pink darf ebenso mitmachen. Aber was spielt das eigentlich für eine Rolle?

Es ist wahr, Miley Cyrus & Her Dead Petz klingt manchmal ungewohnt, wenn man jemals dachte, Miley Cyrus sei so unfassbar verklemmt wie beispielsweise »I Kissed A Girl«. Vor allem klingt das jetzt: weggetreten und psychedelisch. Und das wiederum passt natürlich bestens in Zeiten von Tame Impala und Rap auf LSD. Ein paar Songs sind überragend wie das einleitende und wunderbar bouncende »Dooo It!«, an dessen Synthiewand sich die Slogans von all dem zu rauchenden Pot gut machen. Oder das mit einem unfassbar warmen Bass ausgepolsterte »Bang Me Box«, das ich mir zu Steve McQueen-Filmaufnahmen in Dauerschleife geben will. »Slab Of Butter (Scorpion)« klingt wie bester Alternative Rock, Stakkato-Riff inklusive.

Wirklich erstaunlich an Miley Cyrus & Her Dead Petz ist, dass selbst aus dem so nach Achtziger-Prog-Rock klingenden Schlagzeug von »Lighter« ein guter Song geworden ist. Cyrus ist nicht erst seit diesem Album eine spannende, Debatten anstoßende Künstlerin. Selbst das nackige Reiten auf dem »Wrecking Ball« hatte ja durchaus einen doppelten Boden. Man hätte das alles früher sehen können. Miley Cyrus & Her Dead Petz ist nicht nur besser als die Alben zuvor, es ist überdies ein sehr gutes Popalbum. Aber ist es das Meisterwerk, von dem mancher redet? Nein.

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