Michaela Melián Baden-Baden

Bei einem Südländer wie mir erzeugt natürlich schon der Titel von Michaela Meliáns Album, »Baden-Baden«, ein Gefühl von Nähe. Dann spezielle Erinnerungen. Schließlich eine Assoziationskettenreaktion, die den mystischen Spuren der einst so glamourösen, internationalen Kurbäder- und Casino-Stadt im Herz der Finsternis, dem Schwarzwald, von Kasper Hauser bis Helmut Berger folgt. So und nicht anders muss ein Plattentitel auf mich wirken. »Baden-Baden« heißt auch ein Werk der Künstlerin und F.S.K.-Musikerin Michaela Melián, 2004 ausgestellt in der dortigen Kunsthalle. Alle Stücke (bis auf »A Song For Europe«)  auf diesem Album, welches Melián zusammen mit (dem F.S.K.-Mitglied) Carl »Carlo Fashion« Oesterhelt aufgenommen hat, sind oder waren bestimmten künstlerischen Arbeiten begleitend zugeordnet. Einzig der Druck »Life As A Woman«, der das Cover ziert, findet keine musikalische Entsprechung, fügt dem Ganzen aber einen weiteren Subtext in Form einer hochinteressanten Geschichte über die in Wien geborene Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr hinzu.

    Man denke nun nicht, bei »Baden-Baden« handele es sich um Galerie-Pop, Kunstmusik, Musik zur Kunst, kurz: um eine mit hehren Kontexten überfrachtete, aber musikalisch ungenießbare Angelegenheit. Eben nicht.  »Baden-Baden« ist die Zeitlupenaufnahme einer House-Platte, was sich nicht nur auf die  Geschwindigkeit vieler Tracks, sondern auch die dabei ermöglichte Beobachtungsgenauigkeit bezieht. Melián und Oesterhelt benutzen wenige, bisweilen gestochen scharf hervortretende Rhythmus- und Soundelemente, aber die Musik wird dadurch nicht »minimal« im engeren Sinn. Vielmehr entsteht eine klangliche Wucht und farbliche Breite, die mal an Wolfgang Voigts zentralmassiven Alphorn-Pop, mal an das melancholische Schweben von Superpitchers »Tomorrow« erinnert. Man könnte auch einmal mehr Theo Parrish hinzunehmen, nur um zu betonen, dass auch Meliáns elektronische Musik sich mit dem »afrogermanischen Widerschein« (F.S.K.), dem transatlantischen Wechselspiel zwischen Kraftwerk, Krautrock und afroamerikanischem Techno auseinander setzt.

    So benutzt sie zwar tiefe Bassläufe auf gerader Bassdrum, spielt dazu aber eher folkloristische Instrumente wie spanische Gitarre, Akkordeon, Melodica oder gar ein klassisches Violoncello. Im gemeinsamen Klangbad entsteht so eine wundervoll warme Temperatur, der man sich körperlich kaum zu entziehen vermag.

    Am Ende thront dann die Roxy Music-Coverversion »A Song For Europe« wie ein funkelndes Diadem, das sich am Spieltisch im Casino zu Baden-Baden um Hedy Lamarrs Hals schmiegt. Einmal mehr schwingt sich Meliáns Stimme hier zur Ikonen-Wiedergängerin auf: Nico, Hildegard Knef. Fantastisch. Platte des Monats? Nö, des Jahres.

LABEL: Monika Enterprise / Hausmusik

VERTRIEB: Indigo / Kompakt

VÖ: 01.11.2004

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