Michael Kiwanuka »Love & Hate« / Review

Kiwanuka ist noch keine 30 Jahre alt, aber versehen mit einer Stimme, die nach mindestens doppelt so langer Reifezeit im Barriquefass klingt.

Wenn Michael Kiwanuka TV-Tycoon wäre, liefen zur Primetime Sendungen wie Verstehen Sie Hass? und Nur die Liebe quält. Musikalischer Gast wäre in jeder Episode der Londoner selbst – sein neues Album mit dem monumentalen Titel Love & Hate bietet genug themenbezogenes Material dafür. Opulente Soularrangements, omnipräsenter Chorgesang und zum Einstieg ein Zehn-Minuten-Song: Kiwanukas zweite Platte quetscht sich mit elefantösen Ausmaßen auf die Bühne.

Für ironische Brechung sorgt der Umstand, dass Love & Hate ausgerechnet von Danger Mouse produziert wurde. Der Grammy-dekorierte Gehilfe von Gorillaz und Co. hatte Kiwanuka nach dessen vielgelobtem Debütalbum Home Again (2012) eine Art Initiativbewerbung für kommende Kollaborationen geschickt. Kiwanuka schlug ein und schrieb die erste Love-&-Hate-Single dennoch mit dem jungen HipHop-Sachverständigen Inflo. »Black Man In A White World« wirft sich in Protestsonggesten, beklagt allerdings mehr äußere als innere Umstände.

Der Patenonkel im Geiste gibt die Richtung vor: »Only love can conquer hate«

Kiwanuka ist studierter Jazzmusiker mit ugandischen Wurzeln, noch keine 30 Jahre alt, aber versehen mit einer Stimme, die nach mindestens doppelt so langer Reifezeit im Barriquefass klingt. Souverän eröffnet er Love & Hate mit dem bereits erwähnten Zehnminüter »Cold Little Heart« und ist anschließend clever genug, seine Trumpfkarten gleichmäßig auf zehn weitere Songs zu verteilen. Auch wenn Danger Mouse den Sound mal für ein paar Sekunden unter die Käseglocke schiebt oder eine zerzauste Akustikgitarre einschleust, bleibt Love & Hate eine klassische Frühsiebziger-Produktion, die mit allen Tricks der Epoche vertraut ist.

Die Leichtfüßigkeit von Kiwanukas Debüt weicht dabei einer sepiafarbenen Brokatschwere, die schüchterne Nick-Drake-Gitarre einem kompletten Orchester. Damit rückt der 29-jährige noch näher an Marvin Gaye heran, seinen Patenonkel im Geiste, der nur unwesentlich älter war, als er im Jahr 1971 mit What’s Going On eine Richtung vorgab, die nicht nur für Kiwanuka gilt: »Only love can conquer hate«.

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