Warum fiel es uns so leicht, jahrzehntelang Anschuldigungen gegen Michael Jackson zu ignorieren? Eine Antwort: der unerschütterliche Glaube an das liebe, böse Geld.

„Er hatte einen wunderbaren Weinkeller“, sagt Joy Robson über den Mann, der ihren Sohn mutmaßlich jahrelang sexuell missbraucht hat. Ihre Augen leuchten. Ihre Freude am Luxus ist so präsent wie damals, bevor ihr Sohn Wade sie mit zu einer seiner Therapiestunden nahm. Und ihr offenbarte, was ihn in Drogen und Depressionen geführt hatte und bis heute nicht schlafen lässt. Für einen kurzen Moment ist Joy Robson wieder in der 1. Klasse, in der Limo zum Traumhotel, im Helikopter zur Sponsorenparty oder auf der Neverland-Ranch. Jenes Grundschul-Schlaraffenland, das sich Michael Jackson unter die Sonne Kaliforniens baute und wo er zwischen Riesenrad und Schimpansen nie erwachsen werden musste. Es gibt Süßigkeiten ohne Ende, in jeder Ecke liegt Spielzeug und das hauseigene Kino hat immer geöffnet. Spielberg läuft, was auch sonst? Und im Hinterzimmer des Kinos, so die Schilderungen des mutmaßlichen Opfers Wade Robson, küsst Michael Jackson den damals Siebenjährigen, masturbiert vor ihm oder befriedigt ihn oral. Wade Robson wird dies lange Zeit für Liebe halten.  

Die Dokumentation Leaving Neverland ist volle vier Stunden lang. Doch bis auf wenige Fußnoten lässt Regisseur Dan Reed seine beiden Hauptprotagonisten Jimmy Safechuck und Wade Robson erzählen. Wie Michael Jackson sie zunächst für sich gewann, wie er sie anschließend mutmaßlich missbrauchte und manipulierte. Und schließlich wie sie das Trauma nach dem Tod von Jackson (und nachdem Safechuck und Robson vor Gericht für ihn ausgesagt hatten) im Erwachsenenleben einholt. Leaving Neverland ist ein Monolog-Film, der die Beschreibungen von Safechuck und Robson als das Einzige versteht, was es braucht, um sexualisierte Gewalt zu verhandeln. Der Film will zuhören und das reicht.

Es gab nur einen Michael Jackson, und er ging nie von der Bühne (Collage: SPEX).

Die ersten zwei Stunden sind dabei, in Ermangelung eines stärkeren Wortes, ein Albtraum. Robson und Safechuck beschreiben die sexuellen Übergriffe detailliert und kleinteilig.

Die einzigen Momente, in denen man sich als Zuschauer_in dem Grauen der Erzählungen der beiden Männern etwas entziehen kann, sind jene, in denen ihre beiden Mütter sich an einer Einordnung versuchen. Anschreien möchte man sie. Wie konnten sie das nur zulassen? Wieso gaben sie sich so schnell mit den Schutzlügen ihrer Söhne zufrieden? Und während die Empörung wächst, kommt die Innenansicht: Wie sehr bin ich, sind wir, diese beiden Mütter? Warum fiel es uns allen so leicht, jahrzehntelang vergleichbare Anschuldigungen zu ignorieren oder abzutun? Die Antworten darauf sind vielschichtig, persönlich und alles, nur nicht leicht. Doch über eins muss dabei vor allem gesprochen werden: das liebe, böse Geld.

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Bleibt man in dieser Gleichung Max Horkheimers, ist der Schritt vom Pop zum Faschismus kaum länger. In Klang, Tanz und Farben steckt immer auch die Betäubung und die Bestätigung der materiellen Welt. Betäubt wird die 40-Stunden-Woche, die Leere und das Durcheinander der Realität. Mit kritischer Zunge nennt man dies Hedonismus, mit empathischer Haltung heißt es Urlaub – oder Unterhaltung. Bestätigt werden gleichzeitig die Sehnsucht und die Aufstiegsfantasien aller, die (noch) nicht oben sind.

Der Pop Jacksons war auch deswegen der erfolgreichste, den dieser Planet jemals gesehen hat, weil er diese Qualitäten wie kein Zweiter vereinte. Die handwerkliche Perfektion seiner Bewegungen und Beats und die emotionale Pseudo-Wärme seines „Heal the World“-Duktus‘ trafen sich immerzu kurz vor jener Stelle, an der die Bedeutungslosigkeit der Zeichen in Langeweile übergeht. Niemand hat Michael Jackson jemals die Pop-Qualität abgesprochen. Gleichzeitig aber hat niemand sein Schaffen als etwas anderes als Pop verstehen oder lesen wollen.

Mit seiner Interpretation von Pop wurde Michael Jackson zum Verteidiger des Status-Quo

Jacksons fortwährende Bezugnahme auf Kindheit, Unschuld und sich selbst waren immer auch eine aggressive Ablehnung einer anderen Welt, eines Außen. Der Exzess seiner Shows und seine Persönlichkeit ließen nie den Gedanken zu, dass es noch etwas anderes gibt als den Pop. Es gibt keine Paparazzi-Fotos, auf denen sich Jackson in Jogginghose durch die Nacht säuft. Es gab nur einen Michael Jackson, und er ging nie von der Bühne. Genau mit dieser Interpretation von Pop wurde Jackson zum Verteidiger des Status-Quo. Seine Antwort auf Rassismus war, dass wir uns alle die Hände reichen sollten. Und wenn er sang, „they don‘t really care about us“, ließ er sich dazu im Video von seinen Groupies das Hemd zerreißen. Es ist dem Pop inhärent, innerhalb des System zu wirken, und Jackson verkörperte dies wie keiner vor oder nach ihm. Er war ja schließlich der König des Ganzen.      

Und beim König haust es sich gut. Die Familien Safechuck und Robson, angeführt von den beiden Müttern, folgen dem Geld. Jenem, das die Figur Jackson repräsentiert, und jenem, dass er ihnen tatsächlich zukommen lässt. Jackson übernimmt die Kosten aller Reisen und Übernachtungen. Er verbindet seine sexuellen Annäherungsversuche mit Geschenken. Die Jungen bringen regelmäßig Devotionalien und Umschläge mit Geld nach Hause. Die Robsons ziehen sogar aus Australien nach Los Angeles. Eine Entscheidung, die die Familie zerreißen wird.

Am Ende des ersten Teils von Leaving Neverland hält Jimmy Safechuck einen Ring in seinen Händen. Den Verkäufer_innen erzählten Jackson und er damals, seine Finger hätten die gleiche Größe wie die der Dame, für die der Ring bestimmt sei. Heute hält Safechuck den Ring in seinen Händen und zittert. Seine zerstörte Jugend und das Elend seiner Welt hat sich in diesem Schmuck materialisiert und es übermannt ihn. Es ist einer der dramatischsten Momente, die ich jemals in einem Kino erlebt habe.

Safechuck hat auf schmerzvollste Weise lernen müssen, dass materieller Reichtum allein (manifestiert im Überfluss des Pop) einen nicht vor der Welt beschützen kann. Die große Tragik, die in den vier Stunden von Leaving Neverland liegt, ist: Safechuck hat diese Erkenntnis den meisten Menschen voraus. Selbst die Mütter der mutmaßlichen Opfer ringen noch immer sichtlich mit sich selbst. Etwas in ihnen glaubt weiterhin, dass es Talent und Reichtum weniger wahrscheinlich machen, dass jemand zum Bösen fähig ist. Der Weinkeller der Nostalgie ist reich gefüllt. Die Kampagnen gegen Safechuck und Robson laufen. Barbara Streisand und viele andere verteidigen Jackson mit bitteren Worten und Gedanken. Weil ein Angriff auf Jackson auch ein Angriff auf unsere materiellen Ideale und Träume ist.

Michael Jackson und alles, was er repräsentierte und ausschloß, seine Gestalt, sein Pomp und sein Schaffen, all das macht es für viele noch immer unmöglich zu erkennen, dass Pop zwar eine Welt erschaffen, die unsere aber nicht retten kann.

Leaving Neverland
6. April, 20.15 Uhr, ProSieben