Metz II

Metz haben mühevoll gelernt, wie man einem Publikum ansatzlos die Nase bricht. Live und auf Platte.

Man denkt immer, es sei einfach, wütende Musik zu machen. Ein paar missmutige Gesellen, ein Proberaum, Instrumente einstöpseln, Regler auf zehn, los geht’s. Dass das Quatsch ist, zeigte sich schon in den Neunzigern, dem Toilettenduftjahrzehnt der angepissten Musik schlechthin. Bands wie Drive Like Jehu oder Jawbreaker waren furchtbar sauer und furchtbar gut. Ihre zahllosen Wiedergänger meist nur furchtbar.

Heute ist die kanadische Band Metz das beste Beispiel dafür, dass es für einen durchschlagenden Sound mehr braucht als die blanke Freude am Zerstören von Gehörgängen. Bereits 2007 trat die Band in ihrer Heimatstadt Toronto auf den Plan, gute vier Jahre vor dem Höhepunkt des allgemeinen Neunziger-Revivals also. Wütend waren die drei Bandmitglieder schon damals, ihre Konzerte geradezu halsbrecherisch, schnell wurden sie zum zuverlässigsten Wutkanal der Stadt. Doch bis zur ersten Albumveröffentlichung sollte es noch fünf Jahre dauern. Die Verzögerung war nicht etwa Faulheit oder Unvermögen zuzuschreiben, vielmehr schienen Metz ernstzunehmen, was Malcolm Gladwell einst über die Beatles sagte: Man braucht locker 10.000 Stunden im Proberaum, um so gut zu werden.

Jahrelang arbeiteten Alex Edkins, Chris Slorach und Hayden Menzies unter anderem mit Owen Pallett und Holy Fucks Graham Walsh daran, ihre brutale Liveshow auch auf Platte entsprechend zu präsentieren. Am Ende dieses Prozesses standen schließlich 29 Minuten kunstvolles Chaos auf ihrem Debüt Metz. Unter den Dampfwalzen-Sound mischten sich kleine Ah-ah-ah-Chöre, ein Schellenring blitzte hervor – Wut zum Mitsingen.

Länger ist jetzt auch II nicht. Im Gegenteil, nur 27 Minuten brauchen die zehn Songs, um an einem vorbeizurasen. Metz scheinen ihr Konzept perfektioniert zu haben: II kommt direkt zur Sache, Chöre und sonstiger Schnickschnack gehören der Vergangenheit an. Die Band spielt auf ihrem zweiten Album abgespeckten Perfektions-Punk, der keinen Raum für Umwege lässt. Kein Wunder, schließlich gibt es vom Seelenzustand der drei nichts Aufbauendes zu berichten. Die moderne Gesellschaft kaut dich immer noch richtig durch, um dich am Ende zerlegt in Einzelteile auszuspucken, wie es im Kernstück »Spit You Out« heißt. Der Ausweg aus diesem Limbus? Sich mit einer zünftigen wall of sound mal richtig Luft verschaffen. Dabei verlieren Metz jedoch nie ihren Sinn für Pop. Wie auf dem Debüt finden sich auch auf II hinter Sturmfluten von Klang kleine Inseln des Wohlklangs: Melodien, Popmuster, die richtige Pause am richtigen Ort – im Grunde dasselbe Konzept, mit dem bereits Bands wie Nirvana enorm erfolgreich waren.

Das größte Verdienst von Metz ist allerdings, dass sie gegen ihre Zeit spielen. 2015 ist nicht das Jahr, um auf Platte live zu klingen. In letzter Zeit wird Pop hauptsächlich von Wunderkindern bestimmt, die ihre ersten drei Alben schon vor dem ersten Konzert im Verkauf haben. Für Rockmusik hingegen gilt das Gegenteil: Gute Livebands hauen ohne Erfahrung Studioaufnahmen raus, damit sie am Merch-Stand etwas zu verkaufen haben. Metz hingegen haben mühevoll gelernt, wie man einem Publikum ansatzlos die Nase bricht. Live und auf Platte.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.