Messer kündigen neues Album Die Unsichtbaren an

Tobias Levin macht sich (an Die) Unsichtbar(en) FOTO: Hendrik Otremba

Tobias Levin macht sich (an Die) Unsichtbar(en)   FOTO: Hendrik Otremba

Wir dürfen verkünden: Das zweite Album der Gruppe Messer wird Die Unsichtbaren heißen und mit zehn Titeln im Herbst bei This Charming Man Records erscheinen. Bereits am 24. August wird die Single »Neonlicht« veröffentlicht. Weiter unten findet sich die Titelliste nebst eines (ersten?) Coverentwurfs. Zunächst aber noch der zweite und letzte Teil des Studioblogs von den gemeinsamen Aufnahmen mit mit Produzent Tobias Levin in Hamburg. Nach Schlagzeuger Philipp Wulf schreibt nun Sänger Hendrik Otremba – über Gesangsverbote, den Millennium Falcon und tanzende Geister.

Bei den Aufnahmen zur ersten Messer-Platte 2012 in Berlin habe ich eine halbe Nacht und einen halben Tag Zeit, meine Texte einzusingen, genau richtig für mich als vollkommen unerfahrenen: Nicht denken, machen – unter Zwang! Als wir nun unser zweites Album aufnehmen, habe ich mehr als drei Mal so viel Zeit. Mir ist das wahnwitzige Gerücht zu Ohren gekommen, Tobias habe Dirk von Lowtzow mal das Singen verbieten wollen. Ob das stimmt oder nicht, ist letztendlich egal, es hat für mich vor den Aufnahmen zumindest kurzweilige Folgen. Bin ich schon so weit, mit einem Künstler zu arbeiten, der in so viel Musik involviert ist, die mich überhaupt hier hin gebracht hat? Gerade, dass Tobias am Anfang bei Die Erde gespielt hat, begeistert mich, macht mich aber vielleicht sogar ein wenig demütig zu diesem Zeitpunkt. Als ich ihm von meiner Begeisterung für diese Band erzähle – an jenem Abend, an dem wir uns nach einem Messer-Konzert im Hamburger Komet das erste Mal begegnen –, wundert er sich, dass wir »jungen Leute« so alte Musik hören. Junge Leute. Einige Jahre jünger als Tobias bin ich schon, aber später werde ich denken, dass in ihm mehr Jugendlichkeit und Elan steckt, als in den meisten Künstlern meiner Generation.

Dann geht es los. In den ersten paar Tagen sind die Instrumente dran, die Stimmung ist locker und produktiv, ich hänge mit Tobias hinter der Scheibe ab, wir essen Brotchips und ab und zu, um unsere Geduld zu belohnen, ein paar Maki-Rollen. Wir gucken zu, wie die anderen im weitläufigen Raum hinter der Scheibe ihre Instrumente bearbeiten. Ich fühle mich wie in einem Raumschiff, einem alten Raumschiff, vielleicht dem Millennium Falcon, vollgestopft mit obskuren Geräten, denen man manchmal gut zureden muss und die manchmal auch einen Tritt benötigen, um weiter mit zu machen. Tobias dreht dauernd an irgendwelchen Knöpfen, schiebt Regler nach oben und unten, manchmal nur um den Bruchteil eines Millimeters, so dass man gar keinen Unterschied sehen kann. Wir fliegen durch die zehn Stücke.
Ab und zu habe ich Angst, das Raumschiff könne auf einen fremden Planeten stürzen, meistens bewegen wir uns aber mit einer ziemlich wahnsinnigen Geschwindigkeit durch Raum und Zeit auf unser Ziel zu: Die Unsichtbaren. Es läuft gut. Tobias erzählt mir dabei eine Anekdote nach der anderen. Geschichten, die hier wohl den Rahmen sprengen würden. Während er so von den Künstlern spricht, die mich zum Teil geradegehend inspiriert haben, denke ich, dass Tobias uns ganz genau versteht, dass er uns analysiert hat. So hat Kristof Schreuf auch Tobias besonderen Wert vorgestellt: Sein analytisches Arbeiten. Ich würde behaupten, dass sein Anarchismus mindestens ebenso wichtig ist. Seine Reflexionen und der propagierte Wert des Experiments haben in unserer Zusammenarbeit wohl auch dazu geführt, dass wir uns heute selbst ein bisschen besser verstehen. (Weiter nach der Fotografie.)

Electric Avenue, digital und analog   FOTO: Pascal Schaumburg
Electric Avenue, digital und analog   FOTO: Pascal Schaumburg

Nun ja, und dann beginnen wir mit dem Gesang. Ob ich Lust hätte, nicht in der Gesangskabine einzusingen, sondern neben ihm stehen zu bleiben, direkt am Mischpult. Ich weiß nicht so ganz, was ich davon halten soll, bin mir aber mittlerweile sicher, dass genau das Tobias’ Impulse sind, denen man folgen sollte. Dann probieren wir unzählige Mikros aus, alle mit einer eigenen Geschichte. Am Ende wird es ein altes Gerät von Conny Plank, in das schon Coolio seine Weisheiten gespuckt hat, und ein Live-Mikro von Phil Collins. Die meisten anderen zwänge ich ohnehin in die Knie, sagt Tobias sichtlich amüsiert. Ob das schlimm sei. »Nein, das ist super!«
Und dann sind wir auch schon mittendrin. Tobias greift nicht viel ein in das, was ich da mache, aber er sorgt für ein Gefühl. Für ein gutes Gefühl. Zwischendurch hören wir die erste Young Gods, Joni Mitchell und die Zombie Birdhouse von Iggy. Ich stehe so halb hinter ihm und lasse alles raus, merke, dass mit Zeit und Ruhe Kleinigkeiten eine eigene Kraft entwickeln. Es macht mir richtig Spaß, und Tobias’ Begeisterung macht mich stark, gibt mir das Gefühl, etwas zu können. Er kennt die Sänger und Sängerinnen, die ich gut finde, und heimlich führt er mich weiter von ihnen weg. Wir singen verschiedene Versionen ein, er koordiniert, wie ich meine Kraft einsetzen soll. Oft sitzen wir noch bis spät in die Nacht im Studio. Einmal bringt Tobias mich zu meinem Schlafplatz und das Auto verreckt mitten auf der Straße, hinter einer Kurve, wir versuchen, es über sechs Spuren auf die andere Seite zu einem Parkplatz zu schieben, LKWs rauschen dicht an uns vorbei. Das gehört für mich rückblickend genau so zu den Aufnahmen: dass wir alle Zeit miteinander verbracht haben. Eine intensive Zeit.

Am letzten Tag gehe ich kurz aus dem Raum und höre im Rücken ein paar merkwürdige Laute. Als ich zurückkomme lacht mich Tobias an, er hat ein paar Geräusche eingesungen und springt schon wieder durch den Raum. Wir kommen auf die Idee, da weiter zu machen: Ich singe meinen eigenen Schatten, imitiere mein Echo, erfinde Phantasiesprachen und schreie in eine imaginäre Schlucht. Zurück kommt das Echo eines intensiven Prozesses, einer manchmal fast intimen Zeit, an deren Ende ich ein ganz anderes Bewusstsein bekommen habe über das, was ich da tue. Damit schließt sich der Kreis, nur dass seine Bahn mich in diesem Fall etwas weiter nach draußen befördert hat. So bleibt es dabei: Nicht denken, machen! Diesmal nur mit ein wenig mehr Gelassenheit…

Messer Die Unsichtbaren
1. Angeschossen
2. Die kapieren nicht
3. Tollwut (Mit Schaum vor dem Mund)
4. Staub
5. Neonlicht
6. Das Versteck der Muräne
7. Tiefenrausch
8. Es gibt etwas
9. Platzpatronen
10. Süßer Tee

Messer Die Unsichtbaren

5 KOMMENTARE

  1. auf einmal geht alles so schnell. die erste platte noch nicht einmal verdaut oder so richtig verstanden. wahrscheinlich von den meisten noch garnicht gehört. der große hype vielerorts. die großen vergleiche, die herangezogen wurden. klar vieles ist marketing, aber auch der glaube an die sache, euphorie, begeisterung. die positive arroganz etwas zu sagen zu haben, weil es besonders ist. das ist selbstgemachter druck, der zur belastung werden kann. aber sie haben den mund nicht zu voll genommen, sie verstehen es trotzdem sympathisch und natürlich zu wirken. auf dem jenseits von millionen benefiz festival habe ich sie vor zwei tagen zum ersten mal live gesehen – also mit großen erwartungen, die mehr als erfüllt worden. eben nicht nur messer, sondern – wie oft bei google eingegeben: die gruppe messer, ein team, dass eine hervorragende gesamtleistung zeigte. die neuen stücke zum teil etwas melodiöser, durchaus auch poppiger, mehr richtung new wave, was wohl sehr der veränderten, weterentwickelten gitarrenarbeit zu verdanken ist. so hab ich es empfunden, kein neuer weg – nur ein noch weiterer horizont. sie haben ihre vorbilder, kennen die musikgeschichte gut und schaffen es trotzdem immer mehr ihr eigenes ding zu machen. wie der sänger es auch selbst sagt: weniger denken – einfach machen. und das ist ja nicht nur in der musik so. es macht sehr großen spaß dabei zu sein. nächstes jahr vielleicht schon in haldern?

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