Messer: In den Extremen

Messer, die Band aus Münster in Münster

Messer aus Münster in Münster: Philipp Weynberg, Pascal Schaumburg, Pogo McCartney & Hendrik Otremba (v.l.)   FOTOS: Christian Protte

Messer veröffentlichen am Freitag ihr neues Album Die Unsichtbaren. Jetzt gibt es das Album im Stream und unsere Reportage aus der Heimat der Band online. Denn warum kommt eigentlich ausgerechnet aus Münster so viel Musik? Mit Fahrrädern und Katholizismus allein lässt sich das ja nicht erklären.

Ein Zug fährt von Berlin nach Westen. Auf einem Ohr läuft Im Schwindel, das Debüt der Gruppe Messer. Ein bewegendes Album, dessen Postpunk voller Feinheiten steckt und dessen heiser vorgetragene Lyrik von Geistern und dem Leben als Lüge erzählt. Ein nicht mehr zu überbrückender Kabelbruch hält die andere Seite stumm, dort, wo eine aufmerksam ihre chemischen Zyklen studierende Medizinstudentin mich ungewollt an meine noch immer ausstehende Abschlussarbeit erinnert. Egal. Ich gehe eine Ansicht vor, starte Die Unsichtbaren, Messers Neue. Ein anderes, ebenfalls bewegendes Album, um einiges variabler, mit einem noch schärferen und tieferen Bewusstsein, gerade für sich selbst, wie der Titel zeigt. Die Platte ist der Grund meiner Reise.

Ankunft in Münster, Punk-Rock-City, oder, in deutscher Genauigkeit und Melodie: Punk-Rock-Ballungsraum – gemeinsam mit dem unweit gelegenen Ibbenbüren. An dessen nördlichen Ausläufern befindet sich das Dorf Steinbeck, Heimat von Messer-Bassist Pogo McCartney, der mich mit Gitarrist Pascal Mayburg in Empfang nimmt – an ein Fahrrad gelehnt, womit wir den Münster-Klischeeteil für diesen Artikel bereits abgehakt haben, denn der Katholizismus passt hier nicht, und anstelle des oft beschworenen Regens wird uns Gluthitze durch die Stadt treiben.

Der Bosporus Grill in Bahnhofsnähe, wo Messer vor weniger als zwei Jahren ihr zweites Konzert spielten, hat mittlerweile geschlossen, weshalb man zunächst im Café und Kulturraum Spec Ops Platz nimmt. Der erst kürzlich umgezogene Schlagzeuger Philipp Weynberg stößt aus Hamburg dazu. Wir reden über die anstehende Heirat eines gemeinsamen Freundes der Band, aktuelle Tätigkeiten – Pogo McCartney ist Sozialarbeiter, Pascal Mayburg studiert Kunstgeschichte, Philipp Weynberg macht einen zweiten Master in Literaturwissenschaft – und regionale Fixpunkte wie Schalke 04 und den Plattenladen Green Hell. Dorthin verschlägt es die Gruppe am späten Nachmittag, nachdem Sänger Hendrik Otremba an der Fachhochschule für Design endlich alle Prüfungen seiner Studenten abgenommen hat.

Es ist zufällig der Wochentag, an dem der Chef Christian Weinrich selbst im Haus ist. Man kennt sich seit Jahren. »Früher war das ein richtiges Erlebnis, da wurde ein Kasten Bier ins Auto gepackt, und dann ging es vom Dorf zu Green Hell«, erinnert sich McCartney, der mit 14 erstmals hier war. Seine Bandkollegen, allesamt aus Recklinghausen, fanden ebenfalls schon als Jugendliche ihren Weg nach Münster – wegen des Angebots des landesweit wohl bestsortierten Plattenladens für Punk und Hardcore. Während Philipp Weynberg sich noch intensiv den Regalen widmet, scherzt der Rest bereits mit »Weini«, der parallel das Plattenlabel This Charming Man Records betreibt, Heimat von Messer, aber auch von Kadavar, Nerven und Dramamine, einer anderen Band Pogos.

Bevor Im Schwindel bei This Charming Man erschien, kannte Weinrich die Musik von Messer kaum. Hendrik Otremba: »Weini fand das am Anfang komisch, was wir da gemacht haben, aber er hat uns vertraut.« »Es war ein Experiment«, bekräftigt Weinrich, auf das er sich angesichts des jahrelangen Austauschs und der bisherigen Projekte der Mitglieder aber ruhigen Gewissens einließ. Ob er sie sich über die Jahre auch selbst ein wenig nach seinem Geschmack im Laden erzogen hat? »Nein. Ab und zu haben sie mal gefragt, aber das meiste haben sie selbst ausgesucht.« Weynbergs Wahl ist in der Zwischenzeit auf das neue Deerhunter-Album gefallen. Über die Anfänge von Pop-Punk diskutierend, geht es weiter zum Hafen am Dortmund-Ems-Kanal.

Vier ganz unterschiedliche Charaktere laufen da neben mir. Pogo McCartney, ein Kampf- und Band-erprobter Ex-Dorfpunk, der den Altersschnitt leicht hebt und von seinen Kollegen als »Legende am Bass« bezeichnet wird. Der stille Pascal Mayburg, der offen sagt, er habe stets die Isolation gesucht. Philipp Weynberg, der mit Mayburg in der Hardcoreband Ritual spielte und in der Studentenstadt seine Recklinghausener Straight-Edge-Engstirnigkeit überwunden hat, übernimmt zumeist intuitiv die Wortführung – zusammen mit Hendrik Otremba, der dank seines frischen, schmalen Oberlippenbarts tatsächlich so elitär-boshaft wirken kann, wie er neuerdings bisweilen zu singen vermag. Ein Quartett von Musiknerds, die alle auf unterschiedlichsten Wegen Abgrenzung und Rebellion erprobt haben.

Bei veganer Pizza reden wir über den Umbruch zwischen den beiden Alben. »Es ist überraschend, wie anstrengend nach einer guten ersten Platte plötzlich die Produktion der zweiten wird«, bilanziert Otremba. »Da sind viel mehr Leute, die Rat geben wollen, Dinge laufen gegeneinander.« Es gab diverse Gespräche mit anderen Labels, unter anderem an einer Autobahntankstelle. Einig wurden Messer mit keinem: Mal schien der potenzielle Vertragspartner noch im Gestern verharrend, mal provozierte ein angebotener Optionsvertrag bei den Musikern die Angst vor dem Aussortiert-Werden. »Gerade weil der Sprung, außerhalb der musikalischen Entwicklung, nicht so groß war«, sagt Mayburg, erscheint letztendlich auch die zweite Platte bei TCM. Otremba und McCartney führen das familiäre Umfeld, die damit verbundene Ruhe, und Bauchgefühle als weitere Gründe an.

Die Labelfrage war die eine Zerreißprobe für die Band, die Wahl des Produzenten die andere. Das Debüt hatten Messer mit Christoph Bartelt von Kadavar aufgenommen. Dass sie sich nun für Tobias Levin entschieden, der bereits mit Tocotronic, Kante und Kristof Schreuf gearbeitet hat, sei laut Pogo eine Wahl »für Tobi und nicht gegen Christoph« gewesen. Mit Letzterem wolle man künftig gerne wieder zusammenarbeiten. Dass das Ergebnis extremer ist als der Vorgänger, wie Hendrik Otremba bemerkt (»Die Songs driften weiter auseinander. Es geht ruhiger zu, aber auch schneller und brachialer«), mag Levin mitverantwortet haben. Das Potenzial dafür legte die Band jedoch zuvor selbst frei. (Weiter nach dem Bild)

Grüße an Sum-Sum! Bassist Pogo McCartney
Grüße an Sum-Sum! Bassist Pogo McCartney

Ein ganz entscheidendes Stilmittel bei Messer ist die gewaltige Bassdominanz, wie Pascal Mayburg bestätigt: »Pogo ist ein enorm präsenter Bassist, von ihm kommen auch die meisten Songideen. Anders als bei anderen Bands, unterstützt hier die Gitarre den Bass und nicht umgekehrt.« »Deshalb sind die Gitarren auch so flächig«, sagt Otremba. »Pascal hat gespielt, als ob er keine Vorbilder kennen würde.« Tatsächlich flirrt die Gitarre auf Die Unsichtbaren mal umher, wirkt dann wieder wie ein beklemmendes Metronom, verzehrt sich in Verzerrung. Pogo McCartney, der bei einer vorherigen Band noch nicht mit dem Sound experimentieren durfte, arbeitet nun verstärkt mit Delay und anderen Effekten. Ergänzt wurde die Band im Studio von Percussionist Manuel Chittka.

Nach einem Abstecher zum gerade erst entrümpelten Proberaum, gelegen im alten Güterbahnhof und gerade durch die Wände von zwei auf ihre Art und Weise sehr ambitionierten Rockbands beschallt, kommt die zweite Kernentwicklung auf den Tisch der Kneipe Plan B: Otrembas Texte sind intimer geworden, drängen bewusster auf Konfrontation, ohne sich von ihren zahlreichen Referenzen, Metaphern und eigentümlichen Bildern wie Neonlicht, Platzpatronen und Geistern zu verabschieden. »Tollwut« ist eine beinahe selbstironische Ergänzung des Schwindel-Stücks »Lügen«, »Im Versteck der Muräne« beobachtet eine verlorene Masturbationsszene, und das reduzierte »Tiefenrausch« verarbeitet einen stets wiederkehrenden Traum, in dem Hendrik die Rückkehr seines verstorbenen Vaters als schmerzhafte Illusion begreift. Im Song »Es gibt etwas« schließlich beschäftigt er sich mit seinem verborgenen zweiten Gesicht.

Solche Offenheit entsteht aus einer festen Gemeinschaft. Stell- vertretend für die gesamte Band sagt der Sänger: »Im sonstigen Leben habe ich immer das Gefühl, alles, was ich mache, kann angezweifelt werden. Nur wenn ich für Messer schreibe und singe, interessiert mich das nicht, weil das genau das ist, was ich für richtig und wichtig erachte. Das fühlt sich unangreifbar an.« Wir sitzen inzwischen mit einem Bier auf der Kaimauer. Um uns herum ist die Münsteraner Sommernacht leicht und belebt.

Der nächste Tag, Frühstück. Vor der Heimfahrt wartet noch ein Anruf nach Hamburg: »Levin? Ah, hallo. Ich fand Messer einfach gut. Die Band hat einen bestimmten Sound: nach unten verzerrt, nach oben offen; und eine bestimmte Geschwindigkeit. Beides kommt ganz stark aus ihrem Zusammenspiel. Deshalb haben wir die Platte auch live aufgenommen, mit einigen wenigen Percussion- und Gitarren-Overdubs. Sie ist nicht editiert, das sind Messer, wie sie dastehen. Ich fand auch interessant, dass sie ein freundschaftliches Verhältnis zu zivilisatorischen Errungenschaften wie Stadt, Architektur und Raum haben. Naturdinge wie Versteck, Muräne sind bei denen gleichzeitig eher Konstruktionen. Und Hendriks Stimme schneidet da dann in der Tradition von John Lydon bis Max Müller durch.«

Ein Zug fährt nach Osten. Die Unsichtbaren läuft, erneut in Mono auf links. Unvermittelt von hinten-rechts eine Rentnerin: »Unser Deutschland ist doch schön. Wenn ich da an andere Länder denke, Polen etwa – die ganze Busstrecke bis Breslau eine Baustelle. Erbärmlich.« Ein globetrottende Lebenslaufoptimierer daneben stimmt pflichtbewusst zu. Das eingesackte Münster Stadtgeflüster verrät derweil, dass Henning Wehland von den H-Blockx Bürgermeister werden will und ihn FDP-Health-Minister Bahr einlädt, seiner Partei beizutreten. Tags darauf flüchtet sich Ober-Zenbuddhistin Angela M. angesichts von Prism in ein Mantra von teutschem Recht auf teutschem Boden – und ihren Urlaub. Der NSU-Prozess schleppt sich vor sich hin.

Messer sprechen das alles nicht explizit an, aber ihre Unsichtbaren, ihre Gespenster und kalten Augen fassen den Schauer in treffende Bilder.

Die Unsichtbaren ist derzeit vorab im Stream hier zu hören. Jetzt weiter auf SPEX.de: John Lydon im Interview, Messer & Dagobert covern Gainsbourg & Bardot, Maxïmo Park kündigen neues Album Too Much Information mit erstem Song an.

Richtig und wichtig: Sänger Hendrik Otremba
Richtig und wichtig: Sänger Hendrik Otremba

5 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.