Melvins Hold It In

Nicht weniger als genial: Melvins missachten auf Hold It In alle Pop-Regeln – und machen damit einmal mehr alles richtig

Welchen Einfluss die Musik, der Stil, die Aura dieser Band auf meine spätkulturelle Entwicklung genommen hat, kann ich nicht quantifizieren. Die Tatsache, dass mein Sohn Bas heißt, sollte als Indiz genügen. Wie die Mehrzahl der Melvinsianer bin auch ich der Meinung, dass Ozma das beste, Lysol das Genialischste und die drei Major-Alben auf Atlantic zwischen 1993 und 1996 die spaßigsten Dokumente sind. Wie viele Alben es seit 1999 gab, kann ich nicht sagen, etwa vor fünf Jahren habe ich aufgehört, die Musik in schneller werdender Taktung jeweils gleich zum Veröffentlichungsdatum zu inhalieren. Bei Gelegenheit wurde auf jeden Fall reingehört und dabei immer wieder festgestellt, dass die Konstante »Verweigerungshaltung« ungebrochen lebt.

Format, Dynamik, Gestaltung, Output – Buzz Osborne, Dale Crover und wer sonst noch mitmachen darf sind ein autarkes System. Und Hold It In ist nicht nur ein herrlicher Albumtitel, sondern, um es vorweg zu nehmen, die beste Melvins-Platte seit (bitte selbst einfügen). Zu verdanken ist das aller Wahrscheinlichkeit nach den neuen Aushilfskräften Paul Leary und JD Pinkus, beide Ex-Butthole-Surfers. In dieser harthumorigen Grauhaargang lässt der menschenfeindlichste Rocker nach Lou Reed seinen latent immer schon vorhandenen Hippie voll raus – und aus dem Ozzfest wird ein Buzzfest.

Das Ganze klingt wie ein mit Rango-Kreaturen gefülltes freakadelisches Terrarium und verfolgt unter totaler Missachtung aller Popregeln – inklusive jener von Bill Drummond, nach der man sich lieber erschießen sollte, als im Rock zu altern – eine andere weise Regel umso vorbildlicher: keine Effekthascherei. Dass die Melvins nach ihren Atlantic-Jahren immer mehr zum Gegenteil dynamischer Anabolika à la Slipknot und Limp Bizkit wurden – bekannt. Wenn (!) die Melvins Metal wären, dann eindeutig Black und nicht Death – geschenkt. Zusammen mit den Drogenfachkräften der Butthole Surfers wird das nun aber so richtig frei, und man Rango-t sich knallermäßig verpilzt um die Kurve, dass es nur so kreucht.

Und Ozzy? Wir erinnern uns: 1963 verließ er die Schule, jobbte als Schlachter, Maler, Bestatter und drehte krumme Dinger, wofür er schließlich eingeknastet wurde. 1964 wurde Buzz Osborne geboren – nicht in England zwar, aber die Mutter konnte ja sicher ausreisen … Exkurs Ende. Geben wir also diesem wie auch immer gearteten Vorfahren LSD und die Aufgabe, zusammen mit Motörhead ein Monty-Python-Musical zu vertonen. Mittendrin wird Bong geraucht und im Sitzen weitergerockt. Dann Umkleide, die Band, mittlerweile in graue Mönchskutten gewandet, spielt introvertiert-instrumentalen Hassrock in der hintersten Ecke der Bühne. Der Soundmann ist über dem Pult eingenickt und hat beim Abglitschen auf den Reglern das ohnehin kompressionsfreie Equalizing nochmals entsaftet. So hören wir himmlische Minuten lang feinsten mittig-dünnen Halfspeed-Hippie-Black-Metal mit Dale-Crover-Beats. Kurz: Audiokunst, die in einem Atemzug mit Fennesz und My Bloody Valentine zu nennen ist. Wir sagen es laut: Hold It In ist die beste Melvins-Platte seit …!

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