»Meine Mutter wollte wissen, wie ich klinge« – Jlin im Gespräch

Foto: Wills Glasspiegel

Footwork-Produzentin Jlin arbeitet nach dem Prinzip try and error. Was dabei bislang herauskam, lenkte die Gegenwart eines Genres in neue Richtungen. SPEX traf die Künstlerin im Rahmen des CTM Festivals, um herauszufinden, wie sie Instrumente und Software dazu bringt, genau das auszuspucken, was ihr im Kopf herumschwirrt. 

Footwork schwirrt seit den Achtzigerjahren durch die Chicagoer Musikszene und blieb sehr lange ein lokales Phänomen. 2010 bekam das Genre Auftrieb durch die Bangs & Works Compilation Vol.1 des Planet-Mu-Labelchefs Mike Paradina – so zumindest das Label-Narrativ.

Während die erste Compilation lediglich versuchte, sich an der Historie abzuarbeiten und die Facetten und Einflüsse von Chicago Footwork, über Chicago Ghetto House und Chicago Juke herauszustellen, bedeutete die zweite Compilation eine klare Zäsur. Der sanft hämmernde Track »Erotic Heat« – zweiter Song der Compilation – der damals noch unbekannten Footworkerin Jlin ging innerhalb der Szene, aber auch international viral. Bang & Works Vol.2 wurde medial flächendeckend gelobt und damit die Gegenwart des Genres in eine neue Richtung gelenkt. Das war 2011.

Im Frühling 2015 ist Jlins Debütalbum Dark Energy erschienen, im Winter folgte die EP Free Fall. Beide Platten sind durchzogen von einem Sound. Die rar eingesetzten Samples, das tobende Footwork-Tempo bei gleichzeitiger Entschleunigung des klassischen Genresounds, die gezielt eingesetzten unterschiedlichen Percussions, das einprägsame Hämmern – all das ist konzeptionell aufgeladen, was auch daran liegt, dass Jlin an den Stücken ihr ganzes Leben gearbeitet hat.

Vor ihrem Auftritt im Rahmen des diesjährigen CTM Festivals erzählt die aus Gary, Indiana, stammende Produzentin, dass die Produktion von Musik als Hobby anfing. Nach der exzessiven Rezeption von YouTube-Tutorials habe sie stundenlang an Tracks gebastelt und sei meistens gescheitert. Irgendwann hat Jlin es geschafft einen typischen Footwork-Song zu entwickeln – der wiederum war zu perfekt – wie also hat Jlin schließlich ihren so kompromisslos klingenden Sound gefunden? SPEX auf Spurensuche.

Wie bist Du erstmals mit Planet-Mu-Chef Mike Paradinas in Kontakt gekommen?
Wir haben uns getroffen, als er gerade die erste Bangs & Works-Compilation zusammenstellte. Er suchte damals auch nach einem Titel – der Name stammt übrigens von mir.

Also bist du der geniale Kopf hinter Bangs & Works?
Das würde ich so nicht sagen. Es muss so Ende 2010 gewesen sein, als ich davon hörte, dass er nach Footwork-Künstlerinnen und -Künstlern sucht, die einen Track zur Compilation beitragen. Ich war dazu noch nicht bereit. Als Künsterlin war ich damals definitiv noch nicht weit genug entwickelt, obwohl ich es echt gern gewesen wäre. Er hat sich trotzdem ein paar meiner Sachen angehört, einiges mochte er, anderes konnte er nicht nachempfinden. Wir sind in Kontakt geblieben.

Wann hast Du Footwork für dich entdeckt und beherrschst Du den Tanzstil?
Mit vier Jahren. Ich war bei meiner Nachbarin, deren Cousine hatte Kopfhörer auf und ich wollte wissen, was sie da hört. Sie hat mich reinhören lassen und ich dachte nur: Diesen Sound werde ich niemals vergessen. Auf der Highschool bin ich nochmals mit Footwork in Kontakt gekommen. Damals muss ich so 15 gewesen sein. Wir haben eine Choreographie für eine Talentshow einstudiert. Die schnellen Fußbewegungen sind eine abgefahrene Kunst, ich habe das Tanzen aber aufgegeben.

Das alles ist in Gary passiert, wie kann man sich die Stadt vorstellen?
Es ist sehr ruhig. Ich lebe in einer freundlichen Nachbarschaft. Für mich ist es cool dort.

Eine Zukunft dort ist also vorstellbar?
Nein, ich will auf jeden Fall außerhalb des Landes leben.

Komm nach Berlin!
Tatsächlich würde ich gerne in Berlin leben.

Dein Album Dark Energy öffnet mit dem Song »Black Ballet«. Das Intro klingt erstmal nicht nach Footwork, eher nach einem modernen Klassikstück. Kannst Du Piano spielen oder wurde das mit einer Software eingespielt?
Das spezielle Piano-Intro habe ich selbst aufgenommen und dann in den Track eingesetzt. Ich würde nicht sagen, dass ich Klavier spielen kann. Ich probiere so lange herum, bis ich etwas herausbekomme, das mir gefällt. Try and error.

Warum ist es dir so wichtig, keine Samples zu benutzen?
Vor ein paar Jahren, nachdem ich den perfekten Footwork-Song fertig produziert hatte, habe ich ihn meiner Mutter gezeigt. Sie fand den Song sehr gut, hat mich aber gefragt, wie ich klinge. Und das hat mich dazu gebracht, keine Stücke aus anderen Songs herauszuschneiden. Vocals benutze ich auch nur, wenn ich das Gefühl habe, dass sie wirklich gebraucht werden. Auf dem nächsten Album wird es noch weniger davon geben, natürlich auch keine Samples – was heißt: sehr viel mehr von mir.

Wann wird das Album erscheinen?
Definitiv dieses Jahr.

In der CTM-Diskussionsrunde mit dem Publikum hast Du gefragt, wer mit Ableton arbeitet. Wie steht es um Dich?
Ich bin keine Ableton-Künstlerin. Ich schaue mir das Programm gerade an, weil es mich interessiert, ich tauche langsam ein. Ich arbeite meistens mit FL Studio oder Reason, manchmal noch Native Instruments und Massive. Wie mit den Instrumenten immer mit dem, was besten für mich funktioniert.

Für den Track »Expand« hast Du mit Holly Herdon gearbeitet. Wie kam das zustande?
Sie hat »Erotic Heat« gehört und mir auf Facebook geschrieben, dass sie den Song verrückt findet. Ich kannte weder sie noch ihre Musik. Sie meinte dann irgendwann, dass sie mir Stems schickt, mit denen ich machen kann, was ich will. Die Audiospuren klangen überhaupt nicht so, wie ich es erwartet habe. Damit sie funktionieren konnten, habe ich den Track »Expand« produziert und ihr geschickt. Sie hat ihn geliebt.

Ein Feature zu Jlin ist in der Printausgabe SPEX N° 360 erschienen, die nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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