»Ich mag weirdos« – Ein Interview mit Joanne Robertson

Foto: Bruna Amaral

Joanne Robertson macht Folk. Irgendwie. Aber eigentlich sind ihre Klang- und Lyrikskizzen zu elliptisch und verätzt für klare Genre-Subsumtionen. Mit ihrem zweiten Album Black Moon Days kommt die Malerin, Kuratorin, Produzentin und Dean Blunt-Kollaborateurin nach Deutschland. SPEX.de traf sie zum Blitz-Interview.

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Hatten Sie je vor, ein zweites Album zu machen?
Um die Wahrheit zu sagen: ich war sieben Jahre lang im Gefängnis! Nein, ich glaube, ich habe nie so richtig an eine zweite Platte gedacht. Obwohl ich die ganze Zeit viel Musik aufgenommen habe. Doch ich musste zunächst herausfinden, wie man die Sachen richtig angeht. Sie auf eine neue Art und Weise in Form bringt – das brauchte seine Zeit. Mein erstes Album mochte ich gar nicht. Es war zu roh. Ich wusste nicht, wie ich die Sachen schreiben konnte, die ich schreiben wollte, und ich dachte erst recht nicht an eine Veröffentlichung. Mir ging es damit ähnlich wie anfangs mit der Malerei. Und es macht es nicht unbedingt einfacher, wenn da auch noch so viele Leute sind, mit denen du unbedingt kollaborieren willst. Ich habe viel mit Dean (Blunt) gearbeitet, Sachen für ihn geschrieben… und währenddessen viel über mich gelernt. Vielleicht hätte ich in der Zwischenzeit doch etwas veröffentlichen können. Ich bin da schüchtern. Nun habe ich zumindest den Punkt gefunden, an dem ich selbstbewusst mit allem umgehen kann. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass es vor sieben Jahren eine Inflation weiblicher Folk-Sängerinnen gab – gefährliches Terrain. Ich wollte nicht in die Schublade »Mädchen mit Gitarre singt traurige Lieder« gesteckt werden,

Sie sind auch Malerin. Machen Sie immer beides zur gleichen Zeit oder passieren die Dinge phasenweise?
Malen fällt mir ganz natürlich zu. Ich liebe Farben, liebe Form. Und ich sehe Sound genau das. Die zwei Dinge laufen problemlos nebeneinander her. Malerei kann neue Räume in der Vorstellungswelt schaffen, die nichts mit dieser Welt zu tun haben müssen. Es hat mit dem Selbst zu tun, und damit Ideen zu lenken. Das ist vielleicht psychedelisch? Ich meine damit den inneren Dialog, der dabei entstehen soll.

Gibt es Dinge, die Sie nur mittels Musik ausdrücken kannst und nicht mit Malerei fassen können?
Musik ist extrem sinnlich, auf diese sehr private Art und Weise. Fast wie Lyrik. Malerei ist ein total physischer Vorgang, fast eine Explosion von Emotionen. Meine Gemälde sind alles andere als langsam, die sind mehr so »ssschooow«. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie sind mehr Punk Rock. Ich kann meine Wut ausleben. Malerei ist unmittelbar, die muss direkt entstehen, und sofort funktionieren. Meine Bilder sind irgendwie widerlich und schmuddelig – wie Blut, sehr schäbig. Und für mich haben sie eine Art von Humor, die meine Musik nicht hat. Sie ist auf eine andere Art aufrichtig.

Sie haben einmal über Ihre Kunst gesagt »Collage is a way of thinking«. Ihre Platten sind demnach auch Collagen?
Collagen sind mein erster Zugang zu den Dingen.  Eine Rückbesinnung auf die Form. Deswegen finde ich, man sollte mit so vielen Medien und Materialien wie nur möglich arbeiten. Das fühlt sich dann einfach echt an. Und so denke ich auch über Musik. Songs sollten nicht eine einzelne Emotion beschreiben, oder einen einzelnen Tag, oder diese eine Person. Es ist viel interessanter, wenn man versucht mit der Idee der Existenz eines Dings zu spielen. Mir geht es darum, etwas zu kreieren, die Dinge zusammenzubringen. Nicht linear – ist das das richtige Wort? »Oh ich fühle mich traurig, deswegen schreibe jetzt einen traurigen Song« – das ist schlecht, weil es zu einfach ist. Es gibt nie nur eine Quelle, nie nur eine Vorlage oder Referenz. Deswegen mag ich Leute wie Wallace Berman, die abseits des Zentrums arbeiten. Irgendwie am Rande stehen. Ich mag weirdos. Ich habe ein Faible für Abseitiges. Das Augenscheinliche ist langweilig.

Wenn man Sie zwingen würde, ein einziges Artefakt auszuwählen, das Sie verkörpert, und das dann in einer ständigen Ausstellung, sagen wir, im Tate Modern verewigt wird …
Vielleicht ein paar weißer… nein, das ist blöd. Kontext ist alles bei sowas, oder? Ich würde ein Foto nehmen, das eine andere Person darstellt. Vielleicht ein Foto meines Freundes. Damit ich immer hingehen und es mir angucken kann… Nein, das ist zu deprimierend. Nein, ich weiß – eine Flasche Weißwein!

Wie wär’s mit einem dicken Rahmen um das Foto, auf dem die leere Flasche steht?
Oder ich würde Yoko Ono fragen – kennen Sie ihr Television Piece? Wo sie einfach nur einen Typen vor einer Galerie filmt? Das nennt sich Sky TV. Ich würde sie fragen, ob sie so etwas auch für mich machen kann. Und mein Freund läuft dann durchs Bild.

Apropos Kollaboration – wie stark war Dean Blunt bei Black Moon Days involviert?
Oh Gott, Dean Blunt war eine ungemeine Hilfe. Extrem inspirierend. Wir sind gute Freunde. Er hat mir den Unterschied gezeigt zwischen einem Song, der nach ewtas, nach mehr klingt und einem, der nach mir klingt. Dass er mittlerweile so bekannt ist, liegt sicher daran, dass er ein enorm gutes Näschen für Stimmiges hat. Und dabei trotzdem experimentelle, innovative Musik macht. Er lässt mich mehr Rock’n’Roll sein, wirklich laut spielen. Vieles entsteht dann aus der Improvisation heraus. Die meisten Lyrics auf Black Moon Days sind ebenfalls improvisiert. »Bricklin’« ist dem Krach gewidmet. Der Song ist übrigens schon neun Jahre alt, da habe ich einfach wild auf den Drums rumgeklopft, die damals in meinem Atelier standen.

Könnten Sie sich jemals ein Album gänzlich ohne analoge Instrumente vorstellen?
Klar. Ich probiere vieles, suche nach neuen Formen und Arbeitsweisen. Nicht ganz einfach, weil es eigentlich alles schon gibt. Vielleicht könnte ich auf Hintern spielen. Eine Reihe von Hintern aufstellen und auf denen herumklatschen.

Und das Ergebnis nennen Sie einfach Moon Days.  
Das nächste Album steht.

Ein ausführtliches Review zum Album Black Moon Days ist online und in der Printausgabe SPEX °360 erschienen, die versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

Joanne Robertson live
26.4. Berlin – Never Work @ Acud Macht Neu

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.