Mehr als Zufall

Zum normalen Redaktionsalltag gehört es, sich durch Mails zu wühlen, Berge von Platten abzuhören und zu telefonieren. Tolle neue Platte hier, großartig sympathischer Künstler dort und bitte, wollt ihr nicht auf folgende Tour hinweisen? Der angenehme Teil aber ist, eben auch verdammt viele gute Platt …
Zum normalen Redaktionsalltag gehört es, sich durch Mails zu wühlen, Berge von Platten abzuhören und zu telefonieren. Tolle neue Platte hier, großartig sympathischer Künstler dort und bitte, wollt ihr nicht auf folgende Tour hinweisen? Der angenehme Teil aber ist, eben auch verdammt viele gute Platten auf dem Tisch liegen zu haben, am Eingang zum Konzertraum nur den Namen sagen zu müssen und so immer genug Geld für Bier parat zu haben – und vielleicht im Büro ein Telefon, dass sowieso jeden zweiten Anrufer aufgrund eines Defektes wegdrückt, womit einiges an Gesprächszeit gespart wäre. Und überhaupt: Es gehört zu den Untrends des neuen Jahrtausends, dass, noch bevor eine Band eine Platte, eine Tour oder einen Manager hat, scheinbar schon die halbe Promowelt für sie tätitg ist. "XYZ haben gestern vier Stunden am Stück geprobt!" Meldungen , die Welt nicht braucht.

Irgendwann dann landet vielleicht eine EP einer jungen Berliner Band namens Super 700 auf deinem Schreibtisch. Und ja, der Name ist nicht unbedingt ein Glückgriff. Du legst sie ein und denkst, "okay". Nett gemacht, aua, aber sitzt irgendwie zwischen allen Stühlen. Das Cover reißt es auch nicht raus, die Band hat sieben Mitgleider, aha, drei Damen sind dabei, Sängerin Ibadet und ihre zwei Schwestern Ilirjana und Albana am Backgroundgesang. Musik für Stadtfeste, Musik die man gut findet, wenn man nicht allzu viel Musik hört. Könnte man böse sagen. Trotzdem, auch weil ein guter Freund am Abend in seinen Geburtstag feinern wird, geht man auf das Konzert der Band. Seine Freundin macht Promotion für Super 700. Ein Kampf gegen Windmühlen. Anberaumt für die hiesige Presse steht man im Laden. Außer dir selbst ist von der Medienwelt absolut niemand vertreten. Dafür ein Haufen Post-Abi-Jugendlicher, die darauf warten, dass hinterher Freunde von ihnen ihre Vorliebe für Pearl Jam- und Nickelback-Kopien zum Besten geben.

Super 700 fangen also an und irgendwas ist anders. Anders als auf den Konzerter der geschmackvollen Indiebands mit tiptop credibility, anders als bei ambitionierten Auftritten der Avangarde-Fraktion, anders als bei ausgelassenen HipHop-Partys, anders als… sonst eben. Die Band da auf der Bühne macht Musik, von der du dir nicht sicher bist, ob du sie zuhause sofort auflegen würdest. Tut auch nichts zur Sache. Mach das beste aus dem Abend. Die Band sorgt bestens dafür. Ständig, zu allen Gelegenheiten, aber das so unfassbar beindruckend gut, dass dir ganz anders wird. Musikalisch als eine Art blauäugige Mischung aus The Cardigans, Moloko und Radiohead wird das, was sich auf dem Papier nach der Lieblingsplatte von Prinz-Redaktionspraktikanten anhört, zu einen ausgefuchsten, ultraintensiven, prima ausgearbeiteten und hochsympathischen Melange mit Feuer. Selbst in den unterkühlten Momenten, selbst in der Absrudität der gesamten Umstaände dieses Abends. Und – wissend um die Unbedarftheit der Band und ihre Situation zwischen jungem Label und ersten außerberlinerischen Gehversuche – dir schießen tausend Gedanken durch den Kopf: Haben die einen Manager? Brauchen die nicht dringend eine Bookingagentur? Könnte man zwei zwei, drei Stellen nicht ein wenig den Ballast im Song entfernen? Wieso haben die drei Schwester eine ebenso verstörende, wie betörende Ausstrahlung? Ist David Lynch im Raum? Wird man mit sowas nicht scheißeberühmt? Geht alles seinen Gang? Muss man da helfen? Kann man helfen? Ist SPEX das richtige Medium dafür? Gibt es die falsche Band für ein Heft wie SPEX? Was sagt die Geschmackspolizei? Bist du das nicht selber?

Eigentlich ist diese News keine News, weswegen sie nur der Appendix einer solchen wurde, sondern eher eine Art Aufforderung an die A&R-Leute, Booker und Multiplikatoren dieser Erde, an alle, sich Super 700 heute Abend in Berlin, oder Montag in Hamburg, live anzusehen und zu verstehen, dass es Momente gibt, in denen jede und jeder spürt, dass da etwas in der Luft liegt, auch wenn es abseits der gängigen Indiegesetze des was-darf-man-gut-finden liegt. In den Song und in den Augen der Menschen da auf der Bühne. Alle 1a ausgebildet, aber nicht eingebildet. Handwerklich perfekt, aber die Kunst nicht vergessen. Die Kunst, einen Popsong mehr sein zu lassen als meist in 3 Minuten gepackt wird.

Ein Wortschwall erste Güte also, der eigentlich nur sagen will: Super 700 spielen heute Abend, 24.März, ihre Record Release-Party im Berliner Bastard und Montag den 28. März im Grünen Jäger in Hamburg. Auf dem Konzert im Kölner MTC waren übrigens 30 zahlende Leute. 31 haben die Band abgefeiert ohne Ende. 30 haben sich ihre EP gekauft, die nicht annähernd verdeutlichen kann, was diese Band so unwiderstehlich macht. Dies nur als Warnung. Wahrscheinlich vergeblich, weil es nach dem Konzert, immer mal wieder zwischendurch, um die Geschehen sein wird. Ohen zu wissen warum. Und das ist keine Zufall.

P.S.: Ich danke der Promoterin für den netten Abend und erkläre nachträglich das verdammen des "Untrends" extrem junge Bands zu promoten zum eigentlichen Untrend. Bis zum nächsten Anruf…

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