Mbongwana Star From Kinshasa

Mbongwana Star brechen mit dem dem Dogma, dass Popmusik eine spiegelblanke Oberfläche braucht.

Es gibt die Katzenclips. Es gibt die Überschwemmungsvideos, in denen indonesische Strandhäuser oder brasilianische Busse sekundenschnell von braunen Schlammfluten verschluckt werden. Und es gibt die Clips, in denen zu sehen ist, wie afrikanische Straßenmusiker mit aus Öldosen gebauten Gitarren eine zart perlende Melodie spielen oder auf einem aus Topf und Eimer zusammengesteckten Drumkit ein virtuoses Solo hinlegen. Wahrscheinlich sind diese Videos beliebt, weil sie ein europäisches Afrikaklischee bedienen: Arme Menschen machen aus Müll schöne Musik. Produktionen wie das Debüt von Mbongwana Star zeigen, dass die kaputte, müllige Lebenswirklichkeit auch kaputt und schrottig klingen kann. Oder besser gesagt: muss.

Paradoxerweise ist die Band aus den Spaltprodukten einer Formation entstanden, die genau das Gegenteil gemacht hat: Coco Yakala Ngambali und Theo Nzonza Nsituvuidi waren Teil von Staff Benda Bilili. Die Band aus Rollstuhlfahrern, Poliokranken, sogenannten »Krüppeln« machte 2009 mit einem Album Furore, auf dem sie feingliedrige, honigartige Kongo-Rumba spielte, und gab seither weltweit Konzerte. Ein Art Buena Vista Social Club der Ausgestoßenen von Kinshasa. Mit Mbongwana Star haben die beiden Musiker einen vollständigen Stilwechsel hingelegt: weg vom gefälligen Wohlklang. Musik, Party, Ekstase sind nicht mehr das Gegenmodell zur Slum-Wirklichkeit in Kinshasas Shantytowns an den Docks des Kongo River, wo Ngambali und Nsituvuidi leben. Der Sound ist genauso verzerrt wie die Lebensumstände. »Suzanna« heißt das Stück, das diese Haltung am eindrucksvollsten zum Ausdruck bringt. Grotesk übersteuerte Kalimba-Loops (die man auch von ihren Landsleuten Konono N°1 kennt, mit denen sie kooperieren) und fuzzige Highlife-Gitarren: Bei diesem Four-to-the-floor-Klopper läuft jeder Tontechniker instinktiv zum Pult, um den Gain-Regler runterzudrehen, weil der Track vor Übersteuerung zu explodieren und vor Hitze zu platzen droht. Der Sound eines Raumschiffs beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.

Nicht ohne Grund heißt der Song, der den Titel des Albums weiterspinnt, »From Kinshasa To The Moon«. Die afrofuturistische Mythologie des alten Sun Ra, der space, der Ort der Befreiung ist: All das steckt tief in der Haltung, mit der Ngambali und Nsituvuidi sowie ihr Produzent Liam Farrell alias Doctor L zu Werke gehen. Die beiden kongolesischen Musiker lernten Farrell als Produzent eines Albums des nigerianischen Afrobeat-Pioniers Tony Allen kennen und beauftragen ihn damit, ihnen einen neuen Sound auf den geschundenen Leib zu schneidern. Dabei wollte er die gängigen Klischees afrikanischer Musik überwinden, sagt Farrell. Kinshasa erinnere ihn an das New York der Achtziger, ein Ort, an dem musikalisch alles möglich schien. Das Ergebnis sind zehn Stücke, offensichtlich improvisiert und spielerisch entstanden und in einem Dub-artigen Produktionsprozess zu hypnotischen Tracks weiterentwickelt, voller Punk-Attitüde, wie ein harter Bruch mit dem Dogma, dass Popmusik eine spiegelblanke Oberfläche braucht.

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