Maxim Biller „Sechs Koffer“ / Review

In seinem neuen Roman verdichtet Maxim Biller Europas Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts entlang eines familiären Verrats. Er erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie zwischen Ost- und West, Lügen und Halbwahrheiten und einem Erzähler, der sich vor den Fiktionen des Lebens fürchtet. Sechs Koffer ist gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Eine der schönsten Wiederentdeckungen in Maxim Billers neuem hinreißenden Roman Sechs Koffer sind die zwei tschechischen Marionetten Speibl und dessen Sohn Hurvínek, die sich gegenseitig ihre Verbohrtheit vorführen. Für den sehr billerhaften Ich-Erzähler sind ihre Geschichten ein vertrauter Ratgeber. Ungeheuer ist ihm jedoch, dass er mithin fürchtet, das eigene Leben sei auch nur eine dieser erfundenen Geschichten, die jeden Moment zu Ende sein können.

Zentrum des Romans ist ein Geheimnis, das mit dem Gefängnisaufenthalt des Onkels Dima und dem Tod des Großvaters 1958 verbunden ist. Einer der Söhne scheint aus Angst oder Vorteilnahme die Schwarzmarktgeschäfte des Großvaters verraten zu haben und so an dessen Erschießung Schuld zu sein. Oder war es etwa Natalia, Dimas Exfrau? Die Verstrickungen zwischen Vater Sjoma, Mutter Rada, Dima, Natalia und dem anderen Onkel Lev entzerren sich, als der Erzähler als Jugendlicher 1975 nach Zürich fährt. Von hier aus werden nun die Perspektiven dieser sechs Menschen befragt, die es in den Westen verschlagen hat und die vergeblich versuchen, nach Hause zu kommen. Da ist einerseits Dima, der seinen Neffen in ein vornehmes Züricher Restaurant einlädt, um ihm zu zeigen, „dass sich die ganze verdammte Emigration und die jahrelange Quälerei für uns Erwachsene, aber auch für euch Kinder, wirklich gelohnt hat.“ Da ist aber auch Natalia, die in Prag als Schauspielerin nach westlichem Glanz strebt, ihn in Zürich aber ablegt, als sei ihr jetzt klar, dass Glanz verblasst, wenn man ihm zu nahe kommt. Und schließlich die Eltern, die sich in Hamburg niederlassen und nicht zugeben, dass sie sich in ihre alte Heimat Prag zurücksehnen.

Biller gibt der deutschsprachigen Literatur ihre jüdischen Figuren zurück.

Sechs Koffer verdichtet auf nur knapp 200 Seiten Europas Enttäuschungen im 20. Jahrhundert entlang eines familiären Verrats. Das Buch ist rasant, verspielt, zart und manchmal von erschütternder Leichtigkeit. Faszinierend sind die Wendungen, die man von Biller schon kennt: Brillant, wenn er mit einer einfachen Konjunktion Erwartungen auf den Kopf stellt und sich plötzlich die Zerrissenheit der Figuren zeigt: „Ich sitze in der Cafeteria im Jewish Community Center und beobachte die alten Männer und Frauen beim Essen und Streiten und denke, dass meine Eltern hier heute vielleicht auch sitzen würden, wenn sie nicht irgendwann aus dieser Welt verschwunden wären, so als hätte man sie einfach weggezaubert.“ Das schreibt Natalia einmal an ihren heimlichen Geliebten Sjoma. So wunderbar schlicht und ergreifend kann man das selten lesen.

Es sprechen bei Biller immer wieder jene, deren Stimmen in Deutschland nie wirklich dazugehört haben: Jüd_innen, die sich gegenseitig verraten, weil sie es sich nicht leisten können, keinen Verrat zu begehen. Oder Jüd_innen, die manchmal nicht mehr jüdisch sein möchten, aber wissen, dass nie sie selbst es sind, die darüber entscheiden. In seiner Heidelberger Poetikvorlesung hat Biller kürzlich gesagt, dass „wir Juden unsere Gedanken und Einfälle gerne mit anderen teilen, allein deshalb, weil wir hoffen, dass dadurch die Welt, in der wir es eher schlecht als gut haben, ein bisschen besser wird.“ Erst wenn man sich die Lügen der Menschen vornehmen würde, die einen geprägt und erzogen haben – so Billers Hoffnung – wäre es möglich, neue Lügen zu vermeiden. Wie auch seine früheren Romane gibt Sechs Koffer der deutschsprachigen Literatur ihre jüdischen Figuren zurück. Ganz nebenbei ist das Buch voll deutsch-jüdischer Worte, die hierzulande kaum noch bekannt sind, die wir Gojim aber endlich wieder lernen können.

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