Max Czollek „Desintegriert euch!“ / Review

Max Czollek hat sich für Desintegriert euch! nicht weniger vorgenommen, als die deutsche Erinnerungskultur zu dekonstruieren und Raum für neue Formen des jüdischen Lebens in Deutschland zu finden. Die Streitschrift ist jetzt bei Hanser erschienen.

Wenn etwas vom Verlag schon als „furios streitbares Buch“ und „Polemik der Stunde” angekündigt wird, muss der Autor liefern. Max Czollek hat sich für seine Streitschrift Desintegriert euch! nicht weniger vorgenommen, als die deutsche Erinnerungskultur zu dekonstruieren und Raum für neue Formen des jüdischen Lebens in Deutschland zu finden. So fordert er von Jüd_innen, sich nicht auf die vorgefertigte Rolle im sogenannten Gedächtnistheater einzulassen, die nach Czollek hauptsächlich darin besteht, die „Wiedergutwerdung der Deutschen” zu bestätigen. Das heißt also: Auf der einen Seite die anständigen Deutschen, auf der anderen Seite die Nachkommen der Holocaustopfer, bei denen sie sich ihren Persilschein abholen: alles wieder prima.

Für Czollek allerdings ist noch lange nichts wieder gut – und kann vielleicht auch nie wieder gut werden. Rückblickend dröselt er den Irrtum auf, Deutschland habe überhaupt jemals seine nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet. Entnazisierung? Fehlanzeige. Stattdessen entwickelte sich eine Erinnerungskultur, durch die man sich selbst lieber zu den Opfern (Stichwort: Befreiung durch die Alliierten) zählt. Mit Desintegriert euch! fordert Czollek auch ganz buchstäblich die Weigerung, sich einer homogen verstandenen Leitkultur anzupassen. Wer Integration fordere, verschließe die Augen vor der ganz realen heterogenen Gesellschaft da draußen. Hier spricht er nicht nur Jüd_innen an, sondern auch andere Minderheiten. Und stellt die deutsche Deutungshoheit in Frage – darüber, wer oder was wann deutsch sein und dazugehören darf, und wer nicht.

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