Als Ost-West-Paar sind Manja Präkels und Markus Liske nicht gleich. Bei SPEX schreiben die Autorin und der Autor über das Erwachsenwerden im geteilten Land. Blühende Landschaften, brennende Häuser. Und die Suche nach einer gemeinsamen Identität.

Wenn die ganz große Geschichte passiert, wenn festgefügte Weltstrukturen auseinanderbrechen und all die kleinen Gewissheiten unter sich begraben, dann sollte man am besten klaren Geistes von hoher Warte auf die Welt herabblicken wie Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“. Aber so war es nicht am 9. November 1989. Wie fast jeden Donnerstag war ich mit ein paar Freunden im Linientreu an der Budapester Straße, um zu Dark Wave- und Punk-Klassikern tanzend das Wochenende einzuleiten. Wir waren schon reichlich angetrunken, als wir beschlossen weiterzuziehen. Nach Kreuzberg eigentlich. Doch kaum hatten wir den Keller verlassen, standen wir auch schon in einer gewaltigen jubelnden Masse Mensch, die den kompletten Breitscheidplatz ausfüllte und mit emporgereckten Armen gen Ku’damm gestikulierte.

„Im Westen beginnt er zu reden, im Osten ich“: Markus Liske und Manja Präkels (Foto: Christoph Voy).

Etwas war geschehen, aber was, das konnte uns niemand sagen. Alle waren viel zu beschäftigt mit Lachen und Johlen. Erst als wir uns zur Straße vorgekämpft hatten und die endlose Kolonne von Trabis sahen, die grässlichen Jeansanzüge und die Bananen überall, wurde uns klar, dass die Mauer offen sein musste. Wie und warum das geschehen war, konnte uns niemand sagen. Auch wo all diese Südfrüchte herkamen, mitten in der Nacht, blieb ein Rätsel. „Wahnsinn!“, hieß es immer nur. „Echt Wahnsinn!“ Und genau das dachten wir auch, als wir zwei Stunden später mit einer Flasche Wodka vorm Brandenburger Tor im Bananenmatsch herumtorkelten, die Leute in Trauben auf dieser Mauer stehen sahen, die internationalen Fernsehteams auf der Jagd nach Interviewpartnern und die bewaffneten jungen Grenzer, die sich ohne Gegenwehr von der Masse hin und her schieben ließen. Wahnsinn. 

Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut, das sieht man den Fotos von damals an. ’89 war das Jahr meiner Jugendweihe. Wir hatten uns als unsere Eltern verkleidet, um dem Staat, der DDR, dem einzigen Land, das wir kannten, Treue zu geloben. Im Gegensatz zur Nachbarsfamilie von schräg gegenüber, die über Nacht verschwunden war. Rübergemacht, wie es hieß. Der Anblick des leeren Hauses tat in den Augen weh. Ebenso wie die Bilder von DDR-Eltern, die ihre Kinder über Botschaftszäune warfen, in Prag und Budapest. Wie traurig das alles machte. Wie zurückgelassen sich das anfühlte. Die Maueröffnung verschliefen wir wegen einer Geburtstagsfeier. Später, in den überfüllten Straßen Westberlins, schämte ich mich nicht nur wegen meines roten Ost-Anoraks. Die Leute schlugen ihre Zähne in Cheeseburger, als hätten sie noch nie etwas zu essen bekommen. Meine Oma rührte das Zeug nicht an. „Das sieht ja eklig aus.“ Es gab noch Stimmen der Vernunft.

Die Stimme Helmut Kohls passte nicht zu seinem Körper. Vielleicht war es der merkwürdige Dialekt. Ich konnte ihm nie lange zuhören. Aber das war mir mit Erich Honecker genauso ergangen. An meinem 15. Geburtstag hielt Nicolae Ceaușescu seine letzte Rede. Zwei Tage später wurden er und seine Frau im Namen des rumänischen Volkes erschossen. Das machte mir Angst. Obwohl ich die Wut begreifen konnte. Menschen, die nicht mehr zuhören wollten, sondern selber reden. Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich eine Kirche. Ungeheizt. Wir froren. Alle hatten etwas zu sagen. Die meisten waren darin ungeübt. Was Geduld erforderte. Ich ging schon früh nach Hause. Erkältet. 

Wenn die Waffenruhe lange genug dauert, kann der Schützengraben zur Heimat werden. Ein Ort, an dem man es sich bequem macht, den Krieg zu einem Teil seiner selbst werden lässt, um nicht mehr über ihn nachdenken zu müssen. Ein Fluchtpunkt, dessen offensichtliche Begrenztheit in Zeit und Raum sich anfühlt wie Ewigkeit und Weite. Das war West-Berlin in den Achtzigern. Alle wollten dahin oder behaupteten es zumindest. Weil es uncool gewesen wäre, da nicht hin zu wollen. West-Berlin – wir sagten immer nur „Berlin“ – war die radikale Antithese zu unseren Funktionsjugendzimmern in den Vororten des prosperierenden Rhein-Main-Gebiets. Zur verlogenen Zufriedenheit unserer Eltern, die ihre Kriegskinderalpträume sicher auf den Dachböden der bausparfinanzierten Reihenhäuser verstaut hatten, „Wetten, dass..?“ schauten, Automagazine lasen oder Makrameekurse besuchten und ihren Ruhestand planten, als könne das alles immer so weitergehen. Das mit der Umwelt würde man schon in den Griff bekommen. Atomkrieg? Macht doch keiner, wär ja blöd. Selbst Tschernobyl war bald wieder vergessen. Und dass auch hinter der östlichen Grenze der BRD noch Welt war, ließ man gerade lange genug im Bewusstsein aufploppen, um dem an der Weltlage verzweifelnden Nachwuchs zu empfehlen, doch „nach drüben“ zu gehen, wenn es ihm hier nicht passe.

Dabei war unsere Familie eine der wenigen im Freundeskreis mit Ostverwandtschaft. Als Kind war ich deshalb ein paar Mal in Rostock gewesen und hatte es nicht gemocht. Es hatte sich angefühlt, wie in einem Schwarzweißfilm gelandet zu sein. Bei Menschen, die ganz anders redeten und aussahen als wir, aber nicht auf exotische Art, wie die Menschen in den Urlaubsländern, nur farblos eben und so arm, dass man ihnen Sachen mitbringen musste. Weshalb man sich schuldig fühlte. Später schickte die Mutter nur noch Päckchen. Aus Menschen wurden Adressen, aus dem Land hinter dem Vorhang eine verblassende Erinnerung. Das änderte sich auch nicht, als ich dann nach Berlin ging. Die real existierende DDR blieb reduziert auf holprige Transitstrecken und staubgraue Uniformen im Nebel. Und die Mauer hatte bald keinen Schrecken mehr, war einfach nur da, sichere Umfriedung unseres Abenteuerspielplatzes, auf dem alle Zeit rasend stillstand – eine Endlosschleife der Maxi-Version des Bauhaus-Songs Bella Lugosi’s dead: „Undead, undead, undead …“

Der Osten. Das waren wir. Der Westen war Feindesland. Ausgeblendet. Weit weg. Wenn wir nach Ostberlin fuhren, in den Tierpark oder zum Alex, wo die Schlange zum Fernsehturm quer über den Platz reichte, sahen wir keine Grenzen oder Mauern. Nur Berlin. Unsere Hauptstadt. Bekannte meiner Eltern bekamen manchmal Besuch aus dem Westen. Ein seltsamer Onkel mit wieherndem Lachen und Angeberauto, der Sekt und Konfekt und Konserven und Kaffee vor sich her trug, Überraschungseier an uns Kinder verteilte und immer eine Platte für den langhaarigen Neffen dabei hatte. Die Cover sahen blutrünstig aus, reinhören durften wir nicht. Weil das zu viel Lärm machte. Er selbst liebte Tony Marshall und tätschelte gern Köpfe. Mir war das unheimlich. Im Westen lebten doch die übriggebliebenen Nazis. Der Klassenfeind. Lauerten Drogensucht und Sittenverfall. Das mit den Nazis glaubte ich wirklich. Und doch war deren Fernsehprogramm wesentlich unterhaltsamer als unseres. Zu Tode langweilen würde man sich drüben sicher nicht. Trotzdem konnte es nicht schaden, auf der Hut zu sein. Der Onkel kam und ging. Meine Zweifel blieben. 

Auch wenn ich damit ziemlich alleine stand: Ich mochte den Russisch-Unterricht. Genauso wie Handgranatenweitwurf. Freiwillig nahm ich an zusätzlichen Vokabelstunden teil und träumte heimlich von Reisen in die Sowjetunion. Das endete jäh. In Polen, wo ich zum ersten Mal hungernde Menschen sah. Den Hass in ihren Augen, wenn ich, die Deutsche, sie auf Russisch ansprach. Meine eigene Wut galt den Lehrern und Eltern, die uns auf diese Sprachreise geschickt hatten. Als wäre die Welt in Ordnung. Als gäbe es keine Geschichte. Als müsste man nicht mit uns reden. Wir blieben dem Unterricht fern, kauften Zigaretten auf dem Schwarzmarkt und Music For The Masses von Depeche Mode. Ich lernte ein polnisches Wort: „Solidarność“.

„Auf welcher Basis? Goethe? Goebbels? Genetik?“ – Markus Liske (Foto: Christoph Voy).

Am 10. November 1989 stimmte Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Balkon des Rathaus Schöneberg die Nationalhymne an. Der brüchige Altherrengesang der versammelten Riege deutscher Spitzenpolitiker ging im Pfeifkonzert der West-Berliner unter. Kein bewusstes Statement gegen die erst langsam in die Köpfe vordringende Perspektive einer „Wiedervereinigung“, eher Ausdruck körperlichen Unwohlseins gegenüber nationaler Emphase. Monatelang hatten wir auf diesem Platz Kundgebungen gegen die Anfang des Jahres ins Abgeordnetenhaus gewählten rechtsextremen Republikaner abgehalten, nun sollten an selber Stelle Fernsehbilder für den nationalen Glückstaumel entstehen. Das war unerträglich. So unerträglich, wie die Leipziger Sprechchöre, die sich nicht mehr als „das Volk“ feierten, sondern plötzlich „ein Volk“ sein wollten. Mit uns. Auf welcher Basis? Goethe? Goebbels? Genetik? Wer waren diese Leute, deren Aussehen, Verhalten und Reden mir deutlich weniger vertraut war, als das unserer türkischen, arabischen, jugoslawischen Mitbürger? 

„Nie wieder Deutschland!“ – das wurde unsere Losung. Dabei bewirkte die grassierende Wohnungsnot in West-Berlin, dass zahlreiche Freunde nun ihrerseits die Mauer überwanden, Häuser im Ostteil der Stadt besetzten. In den Ruinen von Mitte und Friedrichshain, den illegalen Clubs und namenlosen Kunsträumen, die jetzt überall entstanden, fanden auch wir eine morbide neue Freiheit. Bildhauer schufen Skulpturen aus Schrott, Maler malten mit Schimmel, Eigenblut und Rostpartikeln. Ich selbst verfasste wirre Manifeste. Der Soundtrack dazu kam weiterhin von den Einstürzenden Neubauten und auf Ost-Berliner stieß man anfangs eher selten in diesen Kreisen. Tagsüber war das noch ihre Stadt, nachts gehörte sie uns.

Kurz nach Mauerfall, bald würden die ersten freien Wahlen abgehalten, bekam unsere Schule Besuch von einer Klasse aus Nordrhein-Westfalen. Das klang weit weg, wie hinter dem Mond. Mir wurde Tanja zugeteilt, ein schüchternes Mädchen mit großem Gepäck. Ihre Eltern hatten ihr Essenspakete mitgegeben. Aus Furcht, sie müsste hungern. So richtig zum Lachen war das nicht. Sie schien auch sonst an der Reise zu leiden. An mir. Am Im-Osten-sein-müssen. Damit wir nicht in schweigsamer Peinlichkeit zu zweit in meinem Zimmer hocken mussten, lud ich auch den Rest der Klasse ein. Die Party ging bis in den Morgen. Vereint in Suff und Popmusik. Der King of Pop war „Bad“.

Im Sommer 1990 fluteten Westprodukte die Läden und die halbe DDR versank im Konsumrausch. Utopien von einem besseren Land wichen Träumen von schnellem Geld und noch schnelleren Autos. Es gab von allem zu viel. Dann die erste Reise. Mit der Handballmannschaft nach Italien. Da hatte ich es endlich verstanden. Die Freiheit, zu gehen, wohin du auch willst. 

Italien war auch Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft. Vor den Kneipen unserer kleinen Stadt hüllten sich die Männer in schwarz-rot-goldene Fahnen ein. Obwohl kein einziger Ostdeutscher mitspielte, feuerten sie das Team lautstark an. Brummten die alte Hymne. Deutschland. Einig Vaterland. Das wollten plötzlich alle. Es klang nach Krieg. Und den bekamen wir. Bald schon rannten wir um unser Leben. In Oranienburg, in Lichtenberg, in den Dörfern und Städten Brandenburgs, auf Straßen, öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen. Alte wie neue Nazis aus Ost und West feierten ihre Wiedervereinigung mit Menschenjagden. Die soziale Katastrophe, die mit der Schließung von Werken und Betrieben, mit Massenarbeitslosigkeit und Geburtenstopp einherging, machte die Leute taub und stumm und blind, und Angst ging um. Ich schor mir die Schläfen, hörte The Cure und die Sex Pistols und beschallte damit die Nacht. Keiner konnte so hart sein wie wir es sein mussten. Das eigene Gesicht versteinern sehen. Die Zeiger rasten.

Blühende Landschaften, brennende Häuser. Freiheitstaumel und Blutrausch. Die Neunzigerjahre als Wimmelbild widersprüchlicher Momentaufnahmen, aus dem sich jeder rauspicken kann, was ihm gefällt. Immer wieder liest man von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken, aber das gab es nur in den Zentren der Großstädte. Die Außenbezirke und  ländlichen Provinzen waren fest in rechter Hand. Versuche, mit Freunden das brandenburgische Umland zu erkunden, verliefen katastrophisch. Mal warf man Steine nach uns, mal wurde der Wagen mit Hakenkreuzen beschmiert, und einmal kamen wir nur knapp mit dem Leben davon. Aus der vielbeschworenen „friedlichen Revolution“ schien ein unkalkulierbarer Wutsturm geworden zu sein. Mordnachrichten. Bodycount. Pogrombilder aus Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Und wieder wurde Berlin zur Insel, der Osten zur Transitstrecke. Dabei hatte die Welle der Gewalt längst auch den Westen erreicht: Mölln, Mülheim, Solingen. Die Freunde im Rhein-Main-Gebiet? Geht das alles nichts an. Wir sind Kriegsberichterstatter auf ihren Partys. Alles Draußen ist feindlich. Nur die Reihenhaussiedlungen im „goldenen Westen“ trotzen der Nachrichtenlage, werden zu Orten außerhalb von Zeit und Raum, wie ein West-Berlin ohne Mauer. Konservierte Normalität zwischen Sportschau und Samstagabendprogramm. 

Auch wir finden eine neue Insel, die macht laut UMS-UMS-UMS und – glücklich. Wenigstens, wenn die Pillen gut sind. Bela Lugosi hat endlich Ruhe gefunden, Neubauten werden errichtet. Zu Tausenden drehen sich die Kräne über den Dächern Berlins. Und wir sind nun Astronauten der Liebe in einer Welt voller Hass. Das künstliche Glück von „Friede, Freude, Eierkuchen“ kennt keine Herkünfte, keine Erinnerungen. Die Zukunftslosigkeit hat den schwarzen Mantel abgeworfen und ein debiles Grinsen aufgesetzt. Ein kleiner Rausch gegen das große Rauschen. Das Wollen und Werden. Als mich mein Rausch Ende der Neunziger wieder freigibt, ist die Welt eine andere.

Als wir ’92 unser Abitur machten, liefen die jüngsten Mitschüler mit Aktentaschen über den Schulhof. Gegenüber lag das Arbeitsamt wie ein drohender Schatten. Die inneren Angstlandschaften waren verlässlicher als jedes Navigationsgerät. Wir konnten uns längst auf unsere Instinkte verlassen und riechen, wo Gefahren lauerten. Das half leider nichts gegen das hohe Maß an Organisiertheit, welches unsere Gegner in Windeseile erreicht hatten. Hinter getönten Windschutzscheiben suchten sie nach uns. Warteten vor Kneipen. Wohnungen. Sporthallen. Während über still gelegte Betriebe, verlassene Kasernen, ungeahndete Morde, geschlossene Kinos und Kulturhäuser das Gras zu wachsen begann. Mit den Techno-Tempeln kamen neue Drogen auf die Schulhöfe. Ich sah einen Jungen auf Rasierklingen kauen. Er lachte rot und irr. Wenigstens schluckten auch die Nazis Pillen. Und waren solange abgelenkt. Wir verzichteten. Aus Sicherheitsgründen.  

„Mein Blick ging eher nach Osten als nach Westen“ – Manja Präkels (Foto: Christoph Voy).

Mitte der Neunziger begleitete ich eine Kinderrechtsaktivistin auf ihrem Protestmarsch von Neuruppin nach Bonn. Ich steuerte das uralte Wohnmobil, verarztete abends ihre Füße und verteilte unterwegs Flugblätter. Ein niedersächsischer Bauer vertrieb uns mit vorgehaltener Flinte von seinem Grundstück. Ein Gutsherr in hohen Reitstiefeln verweigerte unsere Bitte um Wasser. Man ließ uns nur selten ungestört schlafen. Immer rief jemand nach der Polizei. Landstreicher. Aus dem Osten. Im Autoradio lief „Sabotage“ von den Beastie Boys. Und ich war heilfroh, zurückkehren zu können. Die Freude hielt bis zur nächsten Bedrohung: „Wir kriegen dich.“ Berlin – Halleluja, Berlin. Ich zog fort. Mit leichtem Gepäck.

2001. Wir begegnen uns in gemeinsamer Arbeit. Ein Fest soll gefeiert werden, ein Künstlerfest zu Ehren Erich Mühsams, des großen Menschenfreunds, der keine Grenzen kannte. Als das letzte Konzert verklungen ist, die letzte Lesung gehalten, stehen wir miteinander im Nieselregen, glücklich. Über uns das Banner mit Mühsams Leitsatz: „Sich fügen heißt lügen.“ Ein guter Geist, der uns bis heute begleitet. Doch was uns wirklich zusammenbrachte, das waren die Neunziger. Unsere Erinnerungen an eine Zeit, an die sich außer uns scheinbar niemand erinnerte. Nächtelang lauschte ich ihren Geschichten vom Überleben auf dem flachen Land, und nächtelang ließ sie sich von mir aus einem wuchernden Manuskript vorlesen, das erst viele Jahre später unter dem Titel „Glücksschweine“ Roman werden sollte. Dann sprachen wir über die Zeit vor dem Mauerfall. Sie erzählte von Ferienlagern und Fahnenappellen, ich von Fernreisen und kiffenden Kunstlehrern. Wir zeigten uns, wo wir herkamen. Sie war der Ossi in meiner Familie, ich der Wessi in ihrer. Keine Identitäten, nur Zuschreibungen, die uns oft amüsierten, manchmal nervten. Gesprächsstoff für die langen Nachtfahrten in der Weihnachtszeit, von Brandenburg nach Hessen, oder umgekehrt. 

Wir, das Ost-West-Paar, sind nicht gleich. Was unsere kleine Gemeinschaft ausmacht, das sind 18 Jahre gemeinsamen Lebens und Arbeitens. Die Sprache zu der wir gefunden haben. Die Bücher, die wir schreiben, und die Bücher, die wir lesen. Und natürlich die Platten, zu denen wir manchmal nachts vor dem Bücherschrank tanzen. Musik der Achtziger meist, die den einen schon durch West-Berliner Nächte trug, die andere am Leben hielt, als ihre Kinderwelt zerbrach. Musik aus einer Zeit vor unserer gemeinsamen. Mauermusik. 

Selbstverständlich prägt uns die Herkunft, die Geschichte der Regionen unseres Aufwachsens. Der beiden Länder. Systeme. Mein Blick ging eher nach Osten als nach Westen. Er schaute nach Rom, Paris, New York. Ich nach Tiflis, Riga, Ulanbataar. So war es zumindest am Anfang. Seither ziehen wir uns mit – in beide Richtungen. Über die Komfortzonen hinaus. Sein Vater ist in der Ukraine geboren, der Großvater hatte in Leningrad studiert. Doch fuhren sie nie wieder hin. Aus Gründen. Schmerzen auch. Es wurde dann ein Reise-Abenteuer daraus, bei dem wir viel übereinander gelernt haben. Im Guten wie im Schlechten.

Irgendwann haben wir beiden auch verstanden, dass es bei gemeinsamen Lesungen sinnvoll ist, sich bei der Begrüßung abzuwechseln. Im Westen beginnt er zu reden, im Osten ich. Kleiner Trick, große Wirkung. Andernfalls liegt da schon von Beginn an ein Haufen Ressentiments zwischen Bühne und Publikum. Aber steckst du in der Hölle, hilft auch keine Zauberei. Nachdem er mal die Geburtstagsgesellschaft meiner Mutter bekocht hatte, hielten ihn alle für schwul. Erstrecht, nachdem er sich auch noch lieber in das Zimmer mit den plappernden Frauen gesetzt hatte, als ordnungsgemäß zu den Männern, die schweigsam Fußball guckten. Dafür darf ich im Rhein-Main-Gebiet durch Reihenhäuser irren und staunen, wie’s die Profis machen. Der Haushalt als Bestimmung. Ich kann nicht mal bügeln. Lost in Sossenheim. Die gute Flasche Wein wird nur den Herren gereicht. Und nach drei Schnaps spricht mich Opa für sämtliche Verbrechen des kommunistischen Schreckensregimes schuldig. Man möchte wirklich nicht tauschen. Und muss es ja auch nicht.

 

Markus Liske, geboren 1967 in Bremen und aufgewachsen in Wiesbaden, lebt seit 1987 in Berlin. Manja Präkels, geboren 1974 im brandenburgischen Zehdenick, kam 1998 nach Berlin. Seit 2001 organisieren sie zusammen das Berliner Erich Mühsam Fest und sind regelmäßig mit ihrer Band Der Singende Tresen auf Tour. 2009 gründeten sie die Gedankenmanufaktur Wort & Ton. Seither entstanden diverse Bücher und Tonträger in gemeinsamer Herausgeberschaft. 2016 erschien Liskes Roman Glücksschweine, 2017 Präkels‘ Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Beide Bücher thematisieren die Umbruchzeit der Neunzigerjahre in Berlin und Brandenburg.