Matthewdavid In My World

Ist die Songstruktur nur ein Fetisch? Und falls ja, kümmert das heute überhaupt noch irgendwen? Der Song als solcher scheint als musikalische Form inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen, mehr und mehr hat sich der Track als vermeintlich beginn- und endloses Dauergrundrauschen durchgesetzt – mit dem Loop, der um sich kreisenden, abgeschlossenen Zelle, als Grundeinheit, die variiert und modifiziert wird, aber stets ihre Identität behauptet. Ob das die dem heutigen allgemeinen Hörverhalten – also dem beiläufigen, dafür fast kontinuierlichen mobilen Konsumieren von Klang – angemessenere Darreichungsweise von Musik ist, lässt sich zumindest diskutieren.

Einen indirekten Beitrag zur Debatte liefert der Kalifornier Matthew McQueen alias Matthewdavid mit seinem Album In My World. Auf diesem zeigt er demonstratives Desinteresse an so etwas wie einem folgerichtigen oder konventionellen Aufbau seiner Stücke, die man denn auch kaum als Songs bezeichnen kann, die allerdings ebenso wenig mit Tracks im herkömmlichen Sinn zu tun haben. Matthewdavid wirft mit heterogenen Genreversatzstücken um sich, singt oder rappt darüber, loopt die Elemente, die ihm dazu geeignet scheinen, und lässt HipHop- neben Jungle-artigen Breakbeats pochen. Der Song hat sich bei ihm nicht erledigt, wird aber als etablierte Warenform gehörig auf den Prüfstand gestellt: Mitten im Stück setzt er unvermittelt neu an, so als wäre die Plattennadel an den Beginn zurückgesprungen, und wenn er findet, dass er weder ein Fade-out noch einen als erkennbares Finale konstruierten Schluss benötigt, dann bricht eine Nummer schon mal ohne weitere Ansage ab.

Den inneren Zusammenhalt stiftet der Bass, der in Brainfeeder-üblicher Manier leicht ausgefranst für Kontinuität in der Tiefe sorgt, mal mit nervösem Pumpen, mal versöhnlich-gelassen schiebend. Schrille Klänge hingegen vermeidet Matthewdavid zugunsten von Sixties-Pop, Funk-Gitarren und einem insgesamt psychedelischen Erscheinungsbild einschließlich stark verhallten Gesangs, der mitunter an Panda Bear erinnert, insgesamt aber weniger auf Beach-Boys-Nostalgie als auf so etwas wie CampHop hinausläuft. Das Festhalten an einigen wenigen Low-End-Theory-Prinzipien ist bei ihm eben wichtiger als die Atmosphäre der Sechziger, die allenfalls als Hintergrundstimmung dient.

Matthewdavid singt zu alledem über die eigene Familie – sein augenscheinlich noch sehr junges Kind darf gemeinsam mit dem Vater das Cover zieren – oder über das Universum im Ganzen. Der Verdacht einer esoterischen Neigung in weltanschaulichen Fragen wird durch Titel wie »House Of Horus« oder »Cosmic Caller« durchaus genährt. Da eindeutige Botschaften aus seinen Worten kaum herauszufiltern sind, braucht man sich daran jedoch nicht groß zu stören. Man kann die Stimme einfach als weitere Tonspur nehmen, die in erster Linie zur Verdichtung dieses Poprätsels beiträgt.

Eine gute halbe Stunde benötigt Matthewdavid, um uns in seine Welt zu führen. Das reicht völlig, um für anhaltende, höchst erfreuliche Verwirrung zu sorgen. Wenn die sich wieder gelegt hat, wird man beizeiten noch einmal über den Song und seine Bedeutung im Weltzusammenhang sprechen müssen.

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