Matthew Herbert, the big sound mining

Foto: Marcus Lieberenz

Eine Woche lang wurde in der Tischlerei der Deutschen Oper die demokratische Revolution geprobt. Ihr Anführer: Matthew Herbert. Ein Erlebnisbericht vom Experiment The Recording.

Matthew Herbert möchte herausfinden, was Musik bedeutet – für Sie, liebe Leserin, für mich, für ihn. Warum wir Liebeslieder hören oder unachtsam pfeifen. Warum wir politische Hymnen komponieren und in sakralen Chöre singen. Ja, warum wir den Drang haben, Instrumente zu spielen oder Gitarren zu zerstören. Und ich will ihn dabei beobachten, vielleicht auch mitmachen, denn eine Woche lang hat er sich dafür in der Tischlerei der Deutschen Oper einquartiert.

Schnell merkt man: Grundsätzliches soll hier mit den Besuchern erforscht werden. Und ganz nebenbei entsteht dabei auch die neue Matthew Herbert-Platte als demokratisches Resultat: The Recording. Über dem Projekt schweben aber auch andere wichtige Prämissen, die sich wie folgt skandieren lassen: Es gibt zu viel Musik! Und: Musik hat politische Geltung!

Jeder Tag steht unter einem anderen Motto, das mal den religiösen, mal den performativen, mal den politischen Charakter von Musik beleuchtet. Und jedes Motto erwartete andere Mitbringsel aus Zuhörerhand, vom Familienfoto bis zum Hund. So oder so: Am Ende des Tages wird alles professionell aufgenommen. Der Soundfänger von Wishmountain hat gerufen, und er ist aufrichtig dankbar, dass so viele ihn erhört haben und leidenschaftlich mitmachen, gerade in dieser ungemütlichen Frühherbstwoche mitten in Berlin-Charlottenburg.

Man nähert sich dem Ort des Geschehens über das Treppenhaus, wo einem die kakofonischen Soundbytes bereits um die Ohren wehen, und tritt ein in eine großräumige Workshop-Atmosphäre, die so wohlig wie einladend ist. Die Bühne bildet das klassische Zentrum der Tischlerei, wo Herbert sichtlich entspannt herumläuft, viel lächelt und lose Anweisungen über’s Mikro verteilt. Seine anfängliche Unsicherheit scheint verflogen. Doch hier wird scheinbar nicht nur Klang produziert. In einer Ecke döst ein Paar vor einer Ron L. Hubbard-Doku. Dort basteln Opernangestellte bunte Fahnen. Irgendwer liest die B.Z. Weiter hinten kocht doch tatsächlich die gute Fee aus Cinderella für die Crew. Und in der Mitte bringt Herbert der handvoll Leute eine kleine Melodie bei. Es ist Tag fünf, SOUND AS PERFORMANCE DAY, Mitbringsel: Instrumente.

Demokratisch heißt für Herbert: Alle haben Anteil am Geschehen. Egal wie. Ich helfe notgedrungen beim Fahnenbasteln, weil die Instrumente alle sind. So lustig das alles ist, so hatte man sich das aber irgendwie auch vorgestellt: auf Instrumenten rumdreschen und mal schauen was passiert.

Viel interessanter müssen da wohl die Tage gewesen sein, die das Hinhören geschult haben. Der SCIENCE AND RELIGION DAY zum Beispiel, der sich unter anderem dem Atemgeräusch angenommen hat. Oder MUSIC FOR PLEASURE DAY, an dem auch ein Hund zum Einsatz kam. Und ein Mann sich vor einem Mikro auszog. Und eine gemietete Stripperin ihre lasziven Runden drehte.

Außerdem wäre da noch die glückliche Tina. Die wurde gleich am ersten Tag überraschend nach Rumänien geschickt (»Das ist das Spontanste, was ich je getan habe!«), um Sounds »außerhalb des sicheren Raums der Deutschen Oper« einzufangen. Dank Tina wissen wir nun wie obdachlose Hunde in Rumänien klingen oder eine Fabrik, die Hundeleinen herstellt (attestierter Favorit von Herbert und Tina). »She got what it was about«, sagte Herbert im Anschluss.

Aber selbst während der abschließenden Podiumsdiskussionen an einem jeden Abend, die versuchen, den politisch-theoretischen Rahmen zu wahren – und dabei oft nur streckenweise ergiebig sind, bleibt eine Sache klar: Matthew Herbert bleibt bei alldem der klare Dirigent und Kurator seiner found (und created) sounds. Wenn man Herberts Herangehensweise an Klang kennt – man höre sich nur One Pig oder The End Of Silence an – wird man das Gefühl nicht los, dass der Chef des BBC Radiophonic Workshops sich einfach einen nomadischen Soundworkshop in Berlin geschaffen hat. Ein weiteres Register, das Herberts schier endlose Klangbibliothek speist. Deswegen ist das Ergebnis auch so wenig überraschend.

Das Album, das am Donnerstag bei der finalen Release Party ausgeteilt wird, ist eine Platte, wie nur ein Matthew Herbert sie machen kann. Heißt nicht, dass sie nicht gut sei. Im Gegenteil. Aber »revolutionär« hört sie sich nicht an. Statt eines Covers steckt in jedem selbst gebastelten CD-Umschlag wahlweise ein von Gästen gemaltes Herbert- oder Selbstporträt. Vielleicht freut sich also jemand gerade über meine Interpretation von Herbert als Cello. Ich zücke aus meinem Umschlag keine Zeichnung, sondern einen kleinen Spruch: »Meine Stimme ist ein Abbild meiner Person, und ich find‘ sie richtig gut!« Das freut doch. Aber was für Schlüsse kann man denn nun aus The Recording ziehen?

Zum einen: Klang ist überall. Aber das wusste auch schon ein John Cage. Des Weiteren: Zu Musik wird Klang erst in kreativen Händen. Mitspracherecht hin oder her, zusammengesetzt hat es dann eben doch Herberts Crew mit entsprechendem Know-how. Ist es dann nicht gut und richtig, dass das Internet Produktionsmöglichkeiten geschaffen hat, die immer weniger Leute ausschließen? Ist es nicht logisch, dass daraus ein Zuviel an Musik resultiert? Und wer bestimmt außerdem wessen kreative Expression relevant ist und wessen nicht? Das alles blieb offen. Gut, eine Woche ist auch nicht viel Zeit.

Wahrscheinlich ist das Verdienst von Matthew Herbert eher, dass er diese Gedanken aufgerollt hat, statt sie zu beantworten. Und viele Leute einfach glücklich waren, mit ihrem Helden eine Platte aufnehmen zu können. Dahingehend war The Recording ein lohnenswerter Vorstoß. Herbert ist einfach ein Mensch, in dessen Nähe man sich gerne aufhält.

Am Ende schüttelt er meine Hand. »Thanks for coming.« – »No«, entgegne ich, »thank you for recording.«

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.