Matthew Herberts The Recording: Täter und Zeuge

Seit Donnerstag – und noch bis Mittwoch – nimmt Matthew Herbert in Berlin ein Album auf – live vor Publikum, mit diesem. SPEX hat ihn vorab gesprochen.

Die Musik ist tot – lang lebe die Musik. So lässt sich zusammenfassen, was Matthew Herbert dieser Tage umtreibt. Als er 2011 mit dem Album One Pig ein Schweineleben auditiv dokumentierte, um auf maßlosen Fleischkonsum hinzuweisen, war das mehr als politisch aufgeblasene Klangkunst. Herbert glaubt, dass Musik noch immer die Fähigkeit zur politischen Subversion besitzt. Sie muss dafür nur neu und weitreichend genug gedacht werden.

»Es gibt keine bedeutende Musik über die Bankenkrise oder Flüchtlinge aus Afrika oder die Situation im Irak«, sagt der 42-jährige Londoner. »Das ist bedenklich. Wir müssen innehalten und uns fragen, ob wir wirklich den millionsten Song über Ich-bezogene Oberflächlichkeiten brauchen oder nicht erst mal die durchhören sollten, die wir schon haben.«

Im September wird Herbert eine Woche lang in der Deutschen Oper Berlin residieren, um mit The Recording Fragen zu Wert und Bedeutung von Musik im Rahmen eines interaktiven Klangprojekts zu verhandeln. Was die genaue Umsetzung betrifft, ist er noch unsicher, Herbert weiß aber schon, wem die Sache dienen soll: »Ich möchte das Publikum mit dem Prozess der Musikwerdung konfrontieren. Es soll erleben, welche Tragweite kreative Entscheidungen haben können und was sie auf allen Ebenen bewirken.« Der Zuschauer als Zeuge und Täter.

Während Herbert mit seiner Band in der operneigenen Tischlerei spielt, lädt er die Besucher zum Einklinken ein, vielleicht durch mitgeschnittene, modifizierte, gleich wieder eingespeiste Samples. Am Ende wird hoffentlich ein Album entstehen, dessen Release-Party schon zwei Tage nach den Aufnahmen gefeiert werden kann.

So weit zumindest der Plan. Natürlich könnte die Sache auch schiefgehen. Scheitern allerdings, sagt Herbert, sei für ihn Teil der Arbeit. Viele seiner Projekte wurden vom Publikum schlichtweg abgelehnt. »Ich hoffe, die Berliner verstehen mein Vorhaben. Aber ich denke die Stadt ist ein guter Ort dafür.« Kleinlaute Worte für einen Künstler, der seine Ansichten oft mit einer an Militanz grenzenden Kompromisslosigkeit vertritt.

Als naiven Weltverbesserer sollte man Herbert jedoch nicht verstehen, schließlich kalkuliert er auch das Unwägbare und Widersprüchliche immer ein. So hat Herbert im Juni zum ersten Mal seit acht Jahren seinen Nachnamen als Moniker reaktiviert – um unter dieser Flagge »Lieder über die Liebe zu schreiben«. Matthew Herbert lacht. Er ist schließlich auch nur ein Mensch.

Dieser Artikel erschien zuerst in SPEX N°355, die September-Ausgabe 2014, welche versandkostenfrei im SPEX-Onlineshop erhältlich ist.

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