Matthew Herbert One Pig

Matthew Herbertss neues Album One Pig gehört zu den kontroversesten der jüngsten Zeit. Der Grund: Der Brite vertont hier das gesamte Leben eines Schweins, Tod & Verzehr inklusive. Mit der PETA kam es deshalb zum öffentlichen Schlagabtausch. Nun ist das Werk erschienen.

Am 10. Februar 2010 findet sich auf MATTHEW HERBERTs Blog The Herbert Pig unter dem Titel One Ending ein schrecklicher Eintrag: »the pig is now dead«. Dies markiert die vorletzte Etappe einer Serie von Field Recordings, mit denen Herbert Geburt, Leben, Sterben und Verzehrtwerden eines Schweins, sprich: die Nahrungsmittelkette, dokumentiert und in ein musikalisches Gewebe einspinnt.

Mit viel Gespür für Klänge und Rhythmen schichtet und vermengt Herbert hierbei über eine Spieldauer von knapp 45 Minuten Aufnahmen, die zwischen August 2009 und 2010 entstanden. Es beginnt mit Rascheln, Zischgeräuschen, Atmern. Dann setzt ein tiefes, bassiges Grunzen ein, wohl die Muttersau, die ihren Nachwuchs zur Welt bringt. Eine süßliche Melodie erklingt. »That was it, it was born«, hören wir aus dem Off (siehe Videodoku unten, ab 1:35), dazu das Grunzen der neugeborenen Jungschweine. Wieder erklingt eine süßliche Melodie. Später, im Februar bei der Schlachtung, zischen die Messer. Gegessen wird das Schwein ein halbes Jahr danach am 17. August bei einem festlichen Mahl: von Herbert als düster-hymnischer, leicht housiger Track realisiert, dazu atmosphärische Klänge, Bratgeräusche, Lachen und Schmatzer.

Das musikalisch amalgamierte Ergebnis von Herberts schweinischer Forschungsarbeit erscheint in diesem Herbst als dritter Teil der One-Trilogie (nach One One und One Club) auf seinem eigenen Label Accidental Records. Bereits frühzeitig hatte Herberts Projekt die Kritik der Tierschutzorganisation PETA angetriggert, die ihm Sensationsmache und Grausamkeit für Entertainmentzwecke vorwirft. Herbert reagierte gekränkt. In seiner Replik hebt er seinen tiefen Respekt für Schweine hervor, was sich einesteils darin zeige, dass er das Leben eines solchen auf einer nichtindustriellen Familienfarm dokumentiert, und anderenteils am Akt eben dieser Dokumentation selbst ablesbar sei: »In an otherwise distant and anonymous food chain, this one pig’s life has been clearly and respectfully acknowledged.« Es sei Recht und Pflicht eines jeden, über die schändlichen Vorgänge in der Lebensmittelindustrie informiert zu sein – so Herberts Diktum. Folglich wirft er der PETA vor, Künstler zum Schweigen verdammen zu wollen.

Nun hat Matthew Herbert mit seiner Kritik an den Verbrechen der globalisierten Lebensmittelindustrie natürlich Recht, genauso wie mit manch anderen der Statements, die er seit seinem im Jahr 2000 aufgestellten Anti-Sampling-Manifest PCCOM verstärkt als Musiker-Politiker vorgebracht hat – auch wenn Unkenrufe nicht verstummen, dass seine musikalische Arbeit seither an Relevanz verloren hat. Das naive Idyll des simple life, das Herbert im abschließenden Track von One Pig im Stil eines mittelalterlichen Barden heraufbeschwört, dürfte diese vermutete Verbindung aus Moralkeule und ästhetischer Regression befeuern.

 Matthew Herbert One Pig ist bei Accidental / Pias / RTD erschienen. Im November tritt Herbert in Berlin auf. Nachfolgend gibt es eine Track-by-Track-Videodokumentation zum Album zu sehen.

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VIDEO: Matthew Herbert ONE PIG – The Story Behind the Album

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MATTHEW HERBERT live:
17.11.11 Berlin – Berghain

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