Matmos »Ultimate Care II« / Review

Eine fast schon sinfonische Sogkraft lässt sich schwer leugnen.

Seit dem italienischen Futurismus, John Cage und dem französischen Kunstfurzer Joseph Pujol wissen wir, dass alles Musik ist: das Kalben von Gletschern und Kühen, der Straßenverkehr, Boden-Boden-Raketen, Darmwinde. Das gilt natürlich auch für nützliche Haushaltshelfer wie Kühlschränke und Waschmaschinen. Den zauberlichen sonischen Glazialwelten Ersterer setzten die Gründer des Wiener Labels (Editions) Mego mit Hilfe der Verwanzung des kühlenden Küchenmöbels mit Kontaktmikrofonen unter dem Namen General Magic & Pita ein Denkmal: die Fridge Trax EP aus dem Jahr 1994. Die Waschmaschine wird jetzt vom amerikanischen Musique-concrète-Duo Matmos aus ihren utilitaristischen Säuberungszusammenhängen befreit.

Nun klingt auf dem Papier noch halbwegs spannender Konzeptualismus bei seiner praktischen Umsetzung bekanntlich oft scheiße respektive – um es akademischer auszudrücken – »interessant«. Beim ausschließlich mit Klängen der im eigenen Keller arbeitenden Maschine des Fabrikats Whirlpool Ultimate Care II erzeugten Matmos-Album ist das anders. Das dürfte daran liegen, dass sich der investierte Aufwand der Klangforscher nicht darin erschöpfte, während der Buntwäsche das monotone Gerumpel der Trommel aufzuzeichnen, sondern dass ihnen die Sounds lediglich als Rohstoff weiterer künstlerischer Bearbeitung dienten. Was nicht heißt, dass man ihrem Album das auditive Ausgangsmaterial nicht mehr anhören würde.

Das Säuseln des Spülgangs wird zur Poesie.

Die 38-minütige Suite beginnt mit dem Knarzen des Drehgriffs fürs Einstellen des Waschganges, gefolgt vom in einer Art munterem Buddhismus dahinplätschernden Einfließen des Reinigungswassers, welches vor dem Hintergrund eines tiefen atmosphärischen Grollens – vielleicht die Zirkulationspumpe? – zu vernehmen ist. In ihrer Monotonie erstaunlich komplexe rhythmische Patterns wechseln einander ab. Es tuckert dumpf, klirrt metallisch und rasselt vorwitzig. Dann wieder hagelt es Trommelstakkatos wie beim Martial Industrial von Test Dept. Zwischendurch gibt es kontemplative Passagen, die die Schönheit sterbender Schaltkreise atmen, ab und an ist das Schmatzen klammen Klatschens gegen Waschtrommelrippen zu hören. Eine fast schon sinfonische Sogkraft lässt sich schwer leugnen. Das Säuseln des Spülgangs wird zur Poesie, das Vibrieren des Schleudergangs fährt direkt in die Beine. Man möchte tanzen. Die Kombination aus Waschsalon und Weinbar gibt es schon, die Verbindung aus großer Wäsche und Disco ist nach dieser Veröffentlichung auf ihre Zukunftsfähigkeit hin zu prüfen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.