Mashup der Erinnerungen

Schreien, stöhnen, die Apokalypse herbeijammen: Pivot, drei junge Herren aus Australien, splattern sich auf ihrem Debütalbum »O Soundtrack My Heart« mit Ehrgeiz und Schwarmintelligenz durch Gummiboote und Songstrukturen.

Pivot
Erstens sind diese Australier ehrgeizig und zweitens stehen sie knietief im schlechten Geschmack.

(Foto: © Marion Birkefeld / SPEX)

Die zwei Gesichter des australischen Trios Pivot könnten unterschiedlicher nicht sein: Einerseits klimpern sie bedeutungsschwanger auf ihren Synthies, als wären sie große Fans von Jean-Michel Jarres retardierter »Oxygene«-Oper – verkneifen sich dabei allerdings nicht den Einsatz von Störgeräuschen, Glitches und Verspieltheiten. Einen Song später schieben sie andererseits bulldozerartig gewaltige Soundmassen aus Gitarren, Drumpatterns, gesampelten Noises und den gleichen Synthesizern, auf denen sie eben noch brav ba-di-ba-da-ba-dudelten, zu Klangmauern zusammen. Dabei verzahnen Pivot ihre rohen Klänge und abstrakten Rhythmen derart komplex und unbeeindruckt von linearen Songstrukturen zu durchgeknallten Space Jams, dass für Narration, für Worte, für Gesang kein Platz mehr bleibt.

    Dessen ungeachtet verzichten Pivot keineswegs auf den Einsatz von Stimmen: Auf ihrem zweiten Album schreien, stöhnen und singen sie immer wieder wohlgestimmt-ätherisch im Chor. Die Brüder Richard und Laurence Pike – Letzterer mischte schon bei Prefuse 73 und Savath & Savalas mit – sowie Dave Miller als dritter Mann am Schlagzeug machen sich in ihrer Musik selbst zum Instrument und steuern Track für Track ganz bewusst auf jenen magischen Moment zu, an dem der Space Jam in einen emotionalen Urknall umschlägt.

    »Jeder unserer Tracks steht auf einem improvisatorischen Gerüst. Bei unseren Jams kommt es darauf an, spielerische Intelligenz zu nutzen, um Gefühle zu artikulieren«, erklärt Richard die Arbeitsweise von Pivot: »Bei einem guten Jam entsteht eine Art Schwarmintelligenz, die stärker ist als das, was ein Einzelner leisten kann. Unsere Gehirne verbinden sich und schöpfen aus dem kollektiven Fundus der emotional-musikalischen Ausdrucksformen.« Das klingt als Aussage schon sehr esoterisch. Ein Track wie »Sweet Memory« hingegen sagt mehr als tausend Worte: Pivots Schwarmintelligenz schält sich hier aus den Splittern zerschredderter Soundfiles heraus und mutiert zu einem veritablen Score für eine Verfolgungsjagd – sehr cineastisch, sehr noir, atemlose Muzak. Ganz anders das Video zur Single »In The Blood«, ein bizarrer Horror-Clip, der seit Wochen in den Blogs herumgereicht und kommentiert wird – gelegentlich mit der Warnung versehen, dass der Titel hier Programm ist.

    Als gemeines Puppenspiel inszeniert, fressen weiße Haie eine Ausflugsgruppe in einem Schlauchboot auf. Spritzendes Blut und abgerissene Gliedmaßen, vor allem aber die unschuldigen Gesichter der Kinderpuppen und das Auftauchen der Bandmitglieder in einer überaus grotesken Szene verweisen auf zweierlei: Erstens sind diese Australier ehrgeizig. Zweitens stehen sie knietief im schlechten Geschmack. Unterlegt ist das Gemetzel mit einer treibenden, dystopischen Hymne, in der Pivot alles zusammenschmeißen, was ihre Apparaturen und Instrumente hergeben. Dabei indiziert Richards Gitarrenspiel so wenig Rock, wie Daves Nutzung von Samplern Pivot als Elektro-Act definiert. Ihre Musik ist ein reißender Strom, ein Mashup der Erinnerungen, immer vorwärts gewandt, mit einer Ahnung von der Zukunft. Ein Regiefehler des Videos enttarnt Pivot übrigens als Anfänger: In der Schlusseinstellung von »In The Blood« taucht ein riesiger Pappfisch auf und verschluckt den einzigen Überlebenden, der als Zeuge von dem maritimen Massaker hätte künden können.

»O Soundtrack My Heart« von Pivot erscheint am 15. August 2008 (Warp / RTD)

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