Mascha Alechina „Tages des Aufstands“ / Review

Über Mut, Übermut und klugen Aktivismus gegen das Unmenschliche: Die Pussy-Riot-Sängerin Mascha Alechina berichtet in Tage des Aufstands von ihrer Zeit im Gefängnis. Das Buch ist bei Ciconia Ciconia erschienen, übersetzt von Maria Rajer.

Nach dem „Punk-Gebet“ nun die „Punk-Novelle“ – das erste Buch aus der Feder von Mascha Alechina, die Creative Writing und Journalismus studiert hat, bevor sie verhaftet wurde. In den rund zwei Jahren, in der die Pussy-Riot-Sängerinnen Alechina und Nadja Tolokonnikowa im Gefängnis waren, habe ich mich oft gefragt, wie es ihnen wohl gerade geht. Sie traten schon zu Beginn ihrer Haft in Hungerstreik, um darauf hinzuweisen, dass sie die harte Strafe keinesfalls anerkennen. Es drangen zudem schockierende Einzelheiten aus der Haft in die Öffentlichkeit. Die Rede war von 16-Stunden-Arbeitstagen und von furchtbaren hygienischen Bedingungen.

Absolut folgerichtig also, dass Alechinas Kampf gegen die Erniedrigungsstrukturen der Strafkolonie Nr. 28 von Beresniki und der Strafkolonie Nr. 2 von Nischni Nowgorod den größten Platz in diesem hübsch aufgemachten Buch einnehmen. In einer facettenreichen Sprache, die von emphatisch bis sarkastisch reicht, findet sie Worte für das Unbeschreibliche: So entsteht eine Erzählung des russischen Strafsystems im Besonderen, und des Widerstands gegen Totalitarismus und Diktatur im Allgemeinen, wie es lange keine mehr gab. Schon allein die Tagebucheinträge aus der Haft sind, neben all der Bedeutung, die sie für eine Veränderung des menschenverachtenden Systems haben, auch eine kleine literarische Sensation. Denn das ist ja die Besonderheit von Pussy Riot: dass sie nicht nur so verdammt unbeugsame und kluge Aktivistinnen sind, sondern auch als Künstlerinnen um keinen Ausdruck verlegen. Wenn die Mischung aus Pop und Politik je Sinn ergeben hat, dann hier, wo mit den Mitteln von Pop, Punk, und NGOs eine grelle Öffentlichkeit hergestellt wurde für Menschen, die nur noch ums nackte Überleben kämpfen. Unnötig zu erwähnen, dass Alechina auch aufs Feinfühligste die Geschichten ihrer Mitinhaftierten erzählt. Sie und ihre Anwälte kämpften nicht nur für das Recht auf warme Kleidung bei eisigen Temperaturen und Medikamente für Kranke, sondern auch dafür, dass man seinen Kaffee mit Milch trinken darf. Yeah! Zur Zivilgesellschaft gehört eben nicht nur Mut, sondern auch Übermut.

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