Hier ist kein Platz für uns

Foto: Christina Sunbeam

 

Schon wenn MARY OCHER die Straße entlang geht, flippen die Leute aus. Wegen ihrer silbernen Strumpfhosen, wegen ihrer überdimensionierten Brille. Am meisten wohl aber wegen des blauen Lippenstifts. Die Hysterie nimmt Mary Ocher gelassen hin. Sie kennt es nicht anders. Sie ist bekennende Exzentrikerin. Auch auf der Bühne wird das deutlich. Dort steht Ocher mit ihrer Gitarre und ihrem Spielzeugverstärker aus Plastik, und sobald sie anfängt zu singen, macht sich auf den Gesichtern der Leute ungläubiges Staunen breit, gern verbunden mit verlegenem Kichern. Mary Ochers Stimme klingt nicht nur ziemlich eigenartig. Sie ist mächtig, sie ist durchgedreht, ein wenig monströs und eben deswegen auch anziehend.

Als Mariya Ocheretianskaya wurde sie 1986 in Moskau geboren, in Tel Aviv wuchs sie auf, seit fünf Jahren lebt sie in Berlin. Als progressive, kosmopolitische und feministische Bohemienne entzog sie sich dem Dienst in der israelischen Armee. Von einem Psychologen ließ sie sich als wehruntauglich einstufen. Aus dieser Zeit stammen viele der Songs ihres Debütalbums War Songs. Tieftraurige Bluesstücke sind dabei, sphärische Folksongs, satirischer Punk und potenzielle Hits wie On the Streets of Hard Labor. Zu hören sind Gitarre, Piano und Mary Ochers superplastisches Organ. Absurd, sich vorzustellen, dass eine Lehrerin ihr einst sagte, mit dieser Stimme werde sie nie singen können. Manche der War Songs sind antimilitaristische Satiren, manche handeln von sozialer Gewalt, Machtmissbrauch und Unterdrückung. Alle erzählen von einer Person, die auch dann nicht dazu gehören könnte, wenn sie wollte. Es ist die alte Geschichte der Außenseiter, Drop-outs, Anormalen und Untauglichen: »There is no place for us / No matter how you try«. So ausgedacht Mary Ochers Künstlerinnenpersona erscheint, so völlig echt ist sie auch. Vermutlich schockiert ihr Auftritt deshalb so: Hier traut sich eine, sie selbst zu sein.

MARY OCHER War Songs | LABEL: Haute Areal | VERTRIEB: Cargo | : 11.03.11


VIDEO: MARY OCHER – On The Streets Of Hard Labor

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