Martyn Great LenghtsDubstep war vor zwei bis drei Jahren die interessanteste elektronische Musik, weil sie keinerlei festem Schema, keiner statischen Formel folgte. Dass sich dieser Zustand völliger musikalischer Offenheit binnen kürzester Zeit in jeder Sub-Subkultur überlebt, ist ein Gemeinplatz. Und wenn sich innovative Mainstream-Ikonen wie Snoop Dogg plötzlich der Croydoner Soundästhetik bedienen, dann wittert man im Underground natürlich den Ausverkauf und übersieht in diesem Reflex, dass man sich längst schon wieder in einem inzestuösen Kreis bewegt. Kein Wunder, dass sich Martyn nicht (mehr) als Dubstep-Produzent im engeren Sinne verstanden wissen will. Die Künstlerbiografie des Niederländers ist ohnehin ein Sinnbild für die formwandlerische Evolution des Hardcore Kontinuums: Anfangs als Drum & Bass-Produzent aktiv, hatte er sich vor einigen Jahren dem Dubstep zugewandt, um sich in jüngster Zeit vor allem jenseits der Szene nach Geistesverwandten umzuschauen.

    Gefunden hat er sie im kalifornischen Brainfeeder-Lager, wo sich Flying Lotus und Konsorten um eine freigeistige Auseinandersetzung mit gebrochenen Beats bemühen. Die 14 Tunes, die Martyn auf seinem Debütalbum »Great Lengths« versammelt, funktionieren dann auch konsequent jenseits des Wobble-Bass-Ghettos. Die ganze Platte klingt, als würde man kurz vor Sonnenaufgang in einem leeren S-Bahn-Waggon durch Südlondon tingeln und dem DJ-Mix eines imaginären britischen Piratensenders lauschen, wobei der Empfang während der unterirdischen Teilstrecken immer wieder gestört wird. Rollende Garage-Drums aus der 2Step-Ära treffen auf technoide Synthie-Flächen, melancholische Loops auf wabernde Acid-Basslines, allerlei Dub-Effekte auf herumschwirrende Vokalfetzen. Damit setzt »Great Lengths« in seiner Konzeption dort an, wo schon Martyns »Heartbeat Remix« von Flying Lotus’ »RobertaFlack«, die Deepstep-Hymne »Broken« oder die hier ebenfalls enthaltene Maxi »Natural Selection« überzeugten. Der Holländer macht das, was der Rapper Joe Budden so treffend ›Mood Muzic‹ nennt: Er schafft es, mit seiner Musik Gefühle zu transportieren, die über die kollektive Gänsehaut angesichts eines massiven Breakdowns hinausgehen. Vielmehr erzeugt er den Sound für den Moment, in dem man sich gegen das nächtliche Ausgehen entschieden hat.

    Die illusorische Euphorie weicht langsam einem dämmrigen Realismus, und gleichzeitig zieht man sich ganz automatisch in die wohlige Gewissheit zurück, mit sich selbst und dem Kopfhörer glücklich allein zu bleiben. Es gab ja bislang nur drei oder vier Longplayer aus dem Dubstep-Genre, die in ihrem Format funktioniert haben, weil sie den engen Kontext der Club-Funktionalität zu sprengen vermochten: Beide Burial-Alben gehörten dazu, vielleicht noch »Aerial« von 2562 und mit Einschränkungen »Diary of an Afro Warrior« von Benga. Mit »Great Lengths« hat Martyn diese knappe Liste um einen wertvollen Eintrag ergänzt.

LABEL: 3024 Records | VERTRIEB: Groove Attack