Martin Gore MG

Dieses Puzzleteil fehlte in der Martin-Gore-Karriere: MG klingt nach vielem, nur nicht nach Depeche Mode.

Lauter unerwartet gute Entscheidungen: Martin Gore lässt die Stadionhymnen warten, legt die Bluesgitarre zur Seite und badet elegant im Sumpf früher analoger Elektronik, aus dem seine Band Anfang der Achtzigerjahre kometenhaft emporstieg. Wie man zu Depeche Mode steht, ist in vielerlei Hinsicht eine Generationsfrage: für die einen die beste Band aller Zeiten, für die anderen das größte Trauma der Achtziger, den meisten heute vielleicht einfach egal. Fest steht, dass Martin Gore als musikalischer Kopf der Band zu den besten Songschreibern der letzten 30 Jahre zählt. Die wichtigste Vorabinfo für alle, Fans und Feinde gleichermaßen, ist jedenfalls, dass MG, das erste richtige Soloalbum von Gore, musikalische weit vom Mutterschiff entfernt ist, die Verbindung zu seiner Band war bis auf eine Handvoll verwandter Klänge nie schwächer.

Gore hat nicht oft Zeit und Muse gefunden, während des konstanten Album-Tour-Zyklus von Depeche Mode auch auf eigene Faust Musik zu veröffentlichen. Außer den beiden Compilations Counterfeit 1 & 2 von 1989 und 2003 mit Coverversionen von Songs von Lou Reed, Julee Cruise, Brian Eno, Nick Cave und anderen gab es nur das Projekt VCMG mit Vince Clarke (Ex-Depeche-Mode sowie Yazoo), aus dem 2012 ein teilweise sehr unverfrorenes Technoalbum hervorging, das für geteilte Meinungen sorgte.

MG besteht nun erstmals aus Eigenkompositionen und -produktionen von Gore – ohne Gesang, teilweise skizzenhaft, assoziativ. Wer dachte, Gore sei ohne Hooks und Gesangsmelodien verloren, wird überwältigt sein davon, wie gut der 53-Jährige seine neuen Freiräume nutzt. Ein möglicher Ansatz für Kritik: Martin, you lazy boy, hast einfach ein paar Spielereien am Modularsynthesizer aus der Schublade gekramt und rausgehauen! Doch Martin Gore wäre nicht Martin Gore, wenn er nicht jede Skizze zum Song, jeden Maschinenfurz zur Mikromelodie hinbiegen könnte. Auch stilistisch passiert bei genauem Hinhören viel: Da gibt es Industrial- und Techno-Hybride (»Brink«) und melancholische Geister alter DM-Hits (»Europa Hymn«), »Elk« könnte ein verschollener Song aus Angelo Badalamentis Twin-Peaks-Soundtrack sein, und »Crowly« bolzt störrisch vor sich hin wie ein Actress-Track.

Wirklich wahr, an den schleppenden, erratischen Groove von Actress muss man oft denken, wenn Gore ab und an Drumspuren zuschaltet. Insgesamt dominieren aber schroffe Elektronik und Entdeckungslust, womit Gore einerseits auf die Vergangenheit verweist – auf die unpoppigen Seiten von Mute, auf Robert Rental, Duet Emmo, den frühen Fad Gadget – und andererseits auf ein aktuelles Revival dieses Pioniersounds. Siehe etwa auch das Album Unfidelity von Ekoplekz aus dem vergangenen Jahr, das in denselben Archiven stöbert wie MG und auf dem sich sogar ein Song mit dem Titel »Robert Rental« findet. MG ist deshalb so etwas wie ein Puzzleteil in Gores Karriere, das bisher fehlte. Gut, dass es jetzt da ist.

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