Martin Büsser „Für immer in Pop“ / Review

Liest man Martin Büssers Reviews, Interviews und Essays heute, beeindrucken die maximale Klarheit seiner Aussagen bei profundester Theoriekenntnis und seine absolute Furchtlosigkeit. Seine Textsammlung „Für immer in Pop“ ist jetzt bei Ventil erschienen.

„Für immer in Pop“ heißt ein Song von Martin Büssers Band Pechsaftha, und es ist nur konsequent, dass der zweite Band mit Texten des 2010 verstorbenen Verlagsgründers, Musikers und Journalisten denselben Titel trägt. Denn Büsser fasste den Begriff Pop sehr weit – beziehungsweise war Pop immer der Bezugsrahmen, auch wenn er über Punk und Hardcore schrieb, die musikalischen und politischen Grundpfeiler seiner Sozialisation, mit denen er durchaus haderte. Dass er nicht die reine Lehre predigte und sich schon in jungen Jahren an den Oberflächlichkeiten „seiner“ Szene abarbeitete („Muss man sich jetzt einen Kapuzenpulli kaufen?“), oder bekannte, dass in seinem Plattenregal auch J. S. Bach zu finden war, nahmen ihm manche übel, was Büsser niemals zum Kleinbeigeben gebracht hätte.

Liest man seine Reviews, Interviews und Essays heute, im Jahr seines 50. Geburtstags, beeindrucken die maximale Klarheit seiner Aussagen bei profundester Theoriekenntnis und seine absolute Furchtlosigkeit: 1991 bezeichnet er Nirvana als „schlimmer als die Rolling Stones“; für den sich mit Miles Davis vergleichenden Henry Rollins hat er nichts als Verachtung übrig, und dass er Xavier Naidoos rechtslastige Bigotterie nicht sofort erkannte, sondern diesen anfangs als deutschen soul saviour verteidigte, beschäftigte ihn nachhaltig. Büsser schrieb über Gender und Geschlechterverhältnisse in Punk und Pop, als diese Themen kein bisschen angesagt waren, und thematisierte Antifolk im Allgemeinen und Kimya Dawson im Besonderen, lange bevor sie auf den Soundtracks hipper Filme landeten. Bei aller Freude über Büssers großartigen Nachlass: Wie traurig, dass seine klugen Worte und sein unbestechlicher Blick heute fehlen.

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