Review: Marsen Jules Beautyfear & Selaxon Lutberg Simboli Accidentali

Marsen Jules Beautyfear
MARSEN JULES

BEAUTYFEAR
OKTAF / KOMPAKT
ALBUM – 24.01.2014

Selaxon Lutberg Simboli Accidentali
SELAXON LUTBERG

SIMBOLI ACCIDENTALI
DENOVALI / CARGO
ALBUM – 15.11.2013

Herrscht gerade Stillstand in der Ambient-Schwebe? Die Rezension zur neuen Marsen Jules, Beautyfear, und Selaxon Lutbergs Simboli Accidentali.

Schweben und Stillstand sind zwei Zustände, die in der Natur nur selten in Kombination zu haben sind. Was schwebt, bewegt sich, und was stillsteht, schwebt meist nicht. In der Kunst muss man sich erfreulicherweise nicht streng nach Naturgesetzen richten und kann scheinbar mühelos schwebende Stillstände herbeiführen – oder etwas, das zumindest danach klingt.

Ambient hat als institutionalisierte Quasi-Statik von jeher mit dieser Illusion gespielt: Gebilde, die praktisch nicht vom Fleck kommen, sich aber dennoch allmählich bewegen und Assoziationen in die unterschiedlichsten Richtungen gestatten – Wiederholung als melancholische Verweigerungsgeste oder als Kurzschluss des Wiederholungszwangs, der sich in der endlosen Wiederholung selbst aufhebt und seine eigene Bewegung aus der Differenz der Wiederholungen erzeugt: Wenn derselbe Ton zweimal hintereinander erklingt, sind das ja schon zwei verschiedene Töne, und eine Fläche, die ohne Variationen mehrere Minuten im Raum steht, verändert sich allein durch ihre Dauer.

Auch wenn Ambient als Genre seit seiner Erfindung in den 1970er-Jahren diverse Veränderungen durchgemacht hat, geht es im Kern immer um dieselbe Ausgangskonstellation, die nur begrenzten Spielraum lässt. Dessen Radius hat Marsen Jules behutsam abgeschritten, Instrumentierungen variiert, auf Alben wie The Endless Change Of Colour und mit dem Marsen Jules Trio darin lichte Zwischenräume geschaffen oder, insbesondere auf Nostalgia, seine akustischen Mobiles zu emotionalen Klangballungen verdichtet.

Beautyfear ist sein bisher düsterstes Album, mit Orchesterloops, die wie eine Hommage an Wolfgang Voigts klassisches Gas-Album Zauberberg wirken, oder mit rau schabenden Flächen, wie man sie aus dem Dark Ambient kennt. Bei Marsen Jules entsteht aus der Konsequenz und Vorsicht, mit der er seine Elemente schichtet, eine Spannung, die sehr wenig von einer Hintergrundtapete hat, es geht vielmehr um mantrisches deep listening. Das mag als solches keine Innovation sein, aber Marsen Jules beherrscht seine Sache einfach so gut, dass er fesseln und manchmal sogar leicht verstören kann.

Im Vergleich dazu geht es auf Selaxon Lutbergs Simboli Accidentali fast gelöst zu. Der Italiener, der bürgerlich Andrea Penso heißt, verfährt in der Auswahl seiner Mittel weniger streng und arbeitet vereinzelt mit Feldaufnahmen, die den Stücken einen weniger hermetischen Charakter verleihen; an einzelnen Stellen wird im Hintergrund sogar verhalten gesungen.

Selaxon Lutberg setzt zudem Gitarren und eine elektrische Orgel ein, die er allerdings so stark verfremdet, dass sie oft kaum noch zu erkennen sind. Diese Zutaten baut er zu flächigen Arrangements zusammen, die mit einer ambivalenten Unverbindlichkeit voranschreiten – »Zufallssymbole«, wie es im italienischen Albumtitel heißt, die anscheinend aus Kindheitserlebnissen herrühren. Soll das heißen, dass in diesen Stücken womöglich ein Verlust beklagt oder eine irgendwie eingetrübte Erinnerung festzuhalten versucht wird? Bei Selaxon Lutberg bleiben die Antworten auf solche Fragen ziemlich in der Schwebe.

Weitere heute erscheinende Alben: Bohren & Der Club Of Gore Piano Nights, Actress Ghettoville. The Hidden Cameras Age.

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