Marker Starling Rosy Maze

Neues vom Coolsten aller Uncoolen: Chris Cummings veröffentlicht mit Rosy Maze sein erstes Album unter neuem Pseudonym Marker Starling.

Chris A. Cummings ist ein kleiner, etwas dicklicher Mann aus Toronto, der nur noch wenig Haupthaar besitzt, dieses aber gern offen und ein bisschen wirr trägt. Ebenfalls gern trägt er weiße Anzüge, die an Siebzigerjahre-Showmaster-Outfits erinnern, Rüschenhemden, die auch dem Helden eines surrealistischen Vampirfilms des französischen Regisseurs Jean Rollin gut zu Gesicht stünden, sowie den gern von kauzigen Informatikern angelegten Querbinder, jene umgangssprachlich auch als Fliege bekannte Krawattenalternative, die das leicht Spießige mit dem dezent Unangepassten verbindet. Anders ausgedrückt: Wie Kassengestellstyler Dan Snaith und Tristessetroubadour Stephin Merritt gehört Cummings seit je der schmalen, doch stetig wachsenden Kaste der unwahrscheinlichen Popstars an. Deren Mitglieder zeichnen sich oft durch ausgeprägtes, auch das Entlegene nicht scheuendes popkulturelles Expertenwissen und eine gewisse tragische Aura aus. Man möchte sie in den Arm nehmen und ihnen süße Lügen ins Ohr flüstern, dahingehend, dass ja alles schon gut werde.

Was bisher geschah: Das musikalische Wunderkind studiert klassisches Klavier am Königlichen Konservatorium zu Toronto und beginnt mit sechs, im besten Mozart-Alter, eigene Stücke zu komponieren. Cummings spielt in diversen Bands. Sein Herz schlägt für Jazz und Soul der späten Sechziger und frühen Siebzigerjahre. Erst mit Ende 20 beginnt er, eigene Songs mit Lyrics zu schreiben. Seit dem Jahr 2000 hat er unter dem Namen Mantler vier Alben veröffentlicht. Die Kombination einer kargen Instrumentierung, die zunächst nur aus den sanft vibrierenden Klängen eines Wurlitzer Electric Pianos und einem blechern pluckernden Drumcomputer bestand, mit einem Gesang, der sich zwischen seltsam monotonem Crooning à la Non-ambient-Eno und astraler Robert-Wyatt-Transzendenz bewegt, klingt auf dem Papier gruselig, verströmt aber einen ganz eigen(artig)en, abgründigen Charme des Kontrasts.

Man denkt an einen genialischen, aber schlecht ausgeleuchteten und unbeachteten Alleinunterhalter bei einer Möbelhauseröffnung oder bei der Weihnachtsfeier im Seniorenheim. Womit wir wieder beim Tragischen wären. Die Sad-clown-Phase ist jetzt, mit Cummings’ erster Veröffentlichung unter dem neuen Pseudonym Marker Starling, passé. Die production values sind hoch, ein ganzes Ensemble hat mitgewirkt, Vibrafon, Streicher und Hörner sind auf den Punkt abgeschmeckt, an keiner Stelle denkt man: »Na, das war jetzt aber keine Absicht!« Man darf annehmen, dass Cummings, dessen Gesang auf dem fantastischen aktuellen Von-Spar-Album Streetlife zu hören ist, so immer schon hat klingen wollen und sich endlich selbst ein Geschenk bereitet hat.

Wer smoothen, aber nicht glitschigen Blue-Eyed Soul der Achtziger mag, der weder Gott oder ersatzweise auch eine Frau anwimmert noch funktionalistisch der alleinigen Koitusanbahnung dient, dürfte mit dieser so warmen wie unaufdringlichen Produktion viel Freude haben. Ich aber vermisse den früheren Cummings, den Coolsten aller Uncoolen, schon ein wenig.

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