Mark Pritchard »Under The Sun« / Review

Ist es ein schwer zu kontrollierendes Biest? Es ist die neue Mark-Pritchard-Platte.

Obacht: Wer sich beim Namen Mark Pritchard zunächst an dessen jüngste Projekte Africa Hitech und Harmonic 313 erinnert fühlt, wird mit diesem Soloalbum eine Überraschung erleben. Der wandlungsfähige Brite hat sich noch einmal gehäutet – oder einfach weiterentwickelt – und nach Ausflügen zu Dubstep und Footwork eine Vielzahl von Fäden aus seiner Vergangenheit aufgegriffen. Da wäre etwa die Library Music, die er schon als Teil des Duos Harmonic 33 aktualisierte, ferner Ambient und andere chillige Elektronik, die bis zu Pritchards Tagen bei Global Communication zurückreichen. Und nicht zuletzt Songs, wie er sie früher unter dem Alias Troubleman erkundete, und jetzt mit unterschiedlichen Studiogästen updatet.

All das findet sich auf Under The Sun, dessen Titel man als Fragment des Idioms »everything under the sun« lesen könnte. Denn ungeachtet der entspannten Grundstimmung, die einen spontan zu Fehlschlüssen wie »Ah, Ambient-Platte!« verleiten könnte, ist dieses Album ein schwer zu kontrollierendes Biest, das sich in immer neue Richtungen zu drehen scheint, als wollte es sich einem beherzten Zugriff bewusst entwinden.

Spontaner Fehlschluss:
Ah, Ambient-Platte!

Vom düsteren Instrumental-Beginn »?« über das gelassen-harmonische »Give It Your Choir« mit Gesang von Labelkollege Bibio bis zum beinahe ätherischen Folksong »You Wash My Soul« mit der vor einigen Jahren wiederentdeckten Psych-Folk-Musikerin Linda Perhacs durchquert Pritchard immer neue Landschaften, die noch am ehesten von seiner Produktionsweise zusammengehalten werden. Pritchard hat sich für die Instrumentierung und Aufnahme von Under The Sun den analogen Gerätschaften verschrieben. Das beginnt mit den melancholischen Rhodes- und Clavinet-Tönen in »?« und zieht sich mit einer Vielzahl älterer Synthesizer durch die ganze Platte. Ein Stück heißt programmatisch »EMS«, benannt nach der Londoner Firma Electronic Music Studios, dem ersten britischen Synthie-Hersteller.

Dazwischen kommen Thom Yorke in »Beautiful People« und Beans von Antipop Consortium zu Wort. Letzterer liefert in »The Blinds Cage« statt Rap im herkömmlichen Sinne einen zurückgenommenen Monolog zu spröde pluckernden Frequenzen. Ein weniger erfahrener Musiker hätte aus so vielen losen Enden womöglich ein inkohärentes Potpourri gemacht. Under The Sun hingegen ist bei all seiner Heterogenität in sich stimmig, ein weiterer großer Wurf von Pritchard. Nur tanzen kann man dazu nicht.

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