Heute vor zehn Jahren legte Mark Fisher mit Capitalist Realism. Is There No Alternative? die definitive Bestandsaufnahme der Gesamtsituation vor. Blöd nur: Heute ist die Welt noch mehr am Arsch als damals.

Ende 2009 ist die Welt komplett am Arsch. Doch obwohl all die Verfehlungen, das Versagen und die vorsätzlichen Täuschungsversuche durch Wirtschaft und Politik während der globalen Finanzkrise offen daliegen, rührt kaum jemand einen Finger. Einer immerhin schreibt auf, warum dem so ist: Mark Fisher. Am 27. November veröffentlicht er mit Capitalist Realism. Is There No Alternative? ein Buch, das nicht nur im Untertitel die richtigen Fragen zum kollektiven Phlegma stellt, sondern zur rechten Zeit konzise Analysen dazu anbietet. Das Buch wird für das von Fisher mitbegründete Imprint Zer0 zum Bestseller, der Begriff „kapitalistischer Realismus“ ubiquitär.

Das flüchtige Reale, vor das sich eine schwammige Realität wie eine Mauer geschoben hatte: Mark Fisher (Bild: SPEX).

Nicht gelesen? Shit happens. Und nein, das ist nicht auf das offenkundige Versäumnis gemünzt. Sondern im Grunde die Zusammenfassung derjenigen Haltung, die Fisher auf nur wenigen Buchseiten auseinandernimmt. Als kapitalistischen Realismus bezeichnet er „das weitverbreitete Gefühl, dass der Kapitalismus nicht nur das einzig gültige politische und ökonomische System darstellt, sondern dass es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, sich eine kohärente Alternative dazu überhaupt vorzustellen.“ (S. 8) Eine „unsichtbare Barriere, die unser Denken und Handeln einschränkt“ (S. 24), hat sich vor die Wahrnehmung geschoben. Der kapitalistische Realismus ist die nagende Stimme im Hinterkopf, die angesichts einer globalen Krise fragt: „Fällt dir denn etwa was Besseres ein?“ Die Antwort: Schulterzucken. Shit happens.

Fishers Streitschrift schnürt mit unvergleichlicher Eleganz die losen Fäden zusammen, an denen er sich zuvor als Blogger unter dem Pseudonym K-Punk entlanggehangelt hatte. Zwischen Kommentaren zu Politik und Gesellschaft befasste sich Fisher dabei vor allem mit Kulturprodukten, aus denen er das Begehren, die Ängste und die Ideologien seiner Zeit herauslas.

Die Musik von Retro-Bands und -Sänger_innen wie den Arctic Monkeys, Amy Winehouse oder Adele waren für ihn genauso Ausdruck einer kulturellen Sterilität wie der dystopische Film Children Of Men. Das Scheitern des Gouvernantenstaats erklärte er mit einer psychoanalytischen Interpretation der britischen Reality-Sendung Supernanny. Und am Beispiel seiner Student_innen zeigte er die „depressive Hedonie“ (S. 30/31) der Menschen im Always-On-Zeitalter auf.

Anhand von einem Disney-Blockbuster wie Wall-E machte Fisher so den Grundwiderspruch des kapitalistischen Realismus sichtbar: Großkonzerne kritisieren eben jenes System, das sie selbst mittragen und von dem sie profitieren. Die Tragödie wird zur Farce und untermauert nur das Gefühl der Alternativlosigkeit. Fisher schreibt dazu:

„Den Kapitalismus moralisch zu kritisieren, zu betonen, auf wie vielen verschiedenen Wegen er zum allgemeinen Leid beiträgt, bestärkt den kapitalistischen Realismus nur. Armut, Hungersnöte und Krieg können so als unvermeidbarer Teil der Realität präsentiert werden, während die Hoffnung, dass diese Leiden jemals aus der Welt geschaffen werden können, leicht als naiver Utopismus dargestellt werden kann. Der kapitalistische Realismus ist nur dann bedroht, wenn man aufzeigen kann, dass er auf irgendeine Weise inkonsistent oder haltlos ist – falls sein augenscheinlicher Realismus eben keiner ist.“ (S. 24)

Das Verdienst von Capitalist Realism ist es nach wie vor, eine bestimmte Weltsicht und die dazugehörige Haltung formuliert zu haben, um genau dieses Projekt der Entlarvung anzustoßen. Dass der Weg dabei über die semantischen Codes und Erzählungen dieser Zeit lief, ist dabei nur folgerichtig. Denn das Ziel von Fishers Ausführungen war immer das flüchtige Reale, vor das sich eine schwammige Realität wie eine Mauer geschoben hatte. Das Ziel eines Begehrens, das vom kapitalistischen Realismus versperrt worden war. Pop-Kultur sagt eben nicht nur etwas über das Leben der Einzelnen, sondern immer auch über größere Zusammenhänge aus. Fisher legte das auf einzigartige Weise offen.

Seine Kritik zielt auf die Argumentationsstruktur neoliberaler Politik ab, die noch alles mit der Begründung wegrationalisiert, dass es ökonomisch sinnvoll, soll heißen realistisch sei: Von Streichungen und der Bürokratisierung des Bildungssystems erzählt er genauso aus erster Hand wie von der Privatisierung psychischer Leiden. Die Zunahme von Depression insbesondere unter Jugendlichen leitet er, der selbst mit Depressionen kämpfte, aus der zunehmenden Prekarisierung ab. Kurz: Kapitalismus macht krank. So larmoyant das klingen mag, ist darin doch eine Kampfansage enthalten: „Die produktivste Art, das Persönliche politisch zu verstehen, ist, das Persönliche als nicht persönlich anzusehen“ (GmL, S. 43), schreibt er 2014 in Ghost Of My Life.

Kaum jemand zu seiner Zeit hatte besser verstanden als Fisher, wie der Kapitalismus nach der Erschließung des gesamten Erdballs nun die Sphäre des Subjekts zu kolonialisieren begann, alle Lebensbereiche okkupierte und dabei das soziale Gewebe zersetzte. Und erst recht konnte kaum jemand so flammend dagegen anschreiben. Dennoch ist seitdem alles nur noch viel beschissener geworden.

Die Psychos regieren!

Das „Gefühl der Erschöpfung, der politischen und kulturellen Sterilität“ (S. 14) wich in den letzten zehn Jahren auf den Leinwänden zwar kurzzeitig euphorischer Aufbruchsstimmung. Während Filme wie I Am Legend, Children Of Men oder Wall-E sich in post-apokalyptischen Szenerien suhlten, wird nur kurz darauf ein neuer Typus Held_in geboren, die mal im Kollektiv oder als Individuum auftritt. Katniss beispielsweise aus der Hunger Games-Trilogie wird zur Anführerin einer Systemrevolution, während in Snowpiercer von Bong Joon-ho das Proletariat erst die Ärmel hoch und dann die Verhältnisse umkrempelt. Die ersten Anzeichen eines Paradigmenwandels? Leider nicht. 2019 nämlich ist von solcherlei revolutionären Subjekten und umstürzlerischem Begehren auf der Leinwand wenig zu sehen. Stattdessen? Regieren die Psychos.

Fisher definierte Depression bemerkenswerterweise als „eine Annahme über den Zustand der Welt, über das Leben“ (GmL, S. 83), welche „im Unterschied zum bloßen Kummer behauptet, DIE (endgültige, ungeschminkte) WAHRHEIT über Leben und Begehren aufgedeckt zu haben“ (ebd.) – eine fatalistische Variante von Realismus also, die sich mit dem imposter syndrome erklären ließe: Ich kenne die Wahrheit, doch verhalte mich ganz anders – und es geht mir ziemlich scheiße damit.

Doch seit Capitalist Realism und Ghosts Of My Life hat in Film und Fernsehen zunehmend der scam das Rennen gemacht, das Hochstapler-Syndrom unter umgedrehten Vorzeichen. Angefangen mit der in der Tat filmreifen Geschichte Anna Sorokins hin zu all den Dokus rund ums Fyre-Festival wurde auch auf Leinwand und Bildschirm viel gescammt und dabei herzlich wenig Reue gezeigt: der moralbefreite The Wolf Of Wall Street, Parasite (ebenfalls von Bong), das aberwitzige Personal des Finanzkrisenfilms The Big Short, The Wizard Of Lies, dem US-amerikanischen House Of Cards-Remake oder Veep stellten mal brutale, mal elaborierte Scams in den Vordergrund: Verarschen ist das neue Den-Schwanz-Einziehen.

Wenn Depression die Diagnose und das imposter syndrome das Symptom war, dann ist die Diagnose hinter dem scam heute: die Psychopathie. Und die verkaufte sich im letzten Jahrzehnt besonders prächtig. Seitdem Dexter, welcher gemeinsam mit Walter „The One Who Knocks“ White die Ära der süßen oder zumindest irgendwie nachvollziehbaren Psychopathiekarrieren einläutete, tummelten sich Hannibal, Greta, Mindhunter, der Purple Man aus der ersten Staffel von Jessica Jones oder Moriarty aus den Sherlock-Neuerzählungen, die Wannabe-Psychos von The End Of The F***ing World, Villanelle von Killing Eve oder Cersei Lannister von Game Of Thrones ohne Ende Psycho- und Soziopath_innen auf den Leinwänden und Bildschirmen.

Nicht alle dieser Psychos sind freilich die Held_innen ihrer Geschichten oder gar Psychopath_innen im klinischen Sinne. Sie dominieren aber zunehmend das Geschehen. Sie haben sich als treibende Kraft in der kulturellen Verhandlung sozialer Verhältnisse etabliert, wenn nicht sogar als Fetischsubjekte einer Gesellschaft, die sich ihr heißes, triebgesteuertes und emotional doch kaltes Handeln gut und gerne zum Vorbild nehmen könnte. Wenn es denn ohne Weiteres möglich wäre. Aber die diskursive Verschiebung deutet zumindest an, dass ein soziales Umdenken im Gange ist. Wie würde etwa American Psycho enden, wenn er heute gedreht würde? Schätzungsweise könnte das entlarvende und allzu billige Ende („Es war alles nur eine Wahnvorstellung!“) wegfallen. Und vermutlich hieße der Film dann auch anders. Joker zum Beispiel. Der schließlich lässt in seiner neuesten Version von Todd Phillips gleich eine ganze Stadt in Flammen aufgehen und grinst dazu.

Beruhte der kapitalistische Realismus noch auf der Einsicht, dass dieses Systems das Geringste aller Übel sei, so hindert das die neuen Psychopath_innen nicht daran, den größtmöglichen Schaden anzurichten. Das ist ein Trend, der kaum mehr mit Fishers ebenfalls anhand von Film und Fernsehen formulierten Thesen zu vereinbaren ist. Denn die Psychos ergeben sich nicht ihrer Ohnmacht vor der Allmacht des Systems, sondern setzen sich mit destruktivem Wahn darüber hinweg.

Surrealismus im Callcenter

Die neue Stoßrichtung ist klar und sie hat wenig mit dem ubiquitären Realismus zu tun, den Fisher noch zehn Jahr zuvor so luzide als endgültige Konsequenz von Postfordismus, Postmoderne und neoliberaler Umwälzung definierte. Nein, es wird surreal, und zwar gehörig. Denn wenn sich mal jemand an einer realistischen Beschreibung der Zustände versucht und das tatsächlich gelingt, dann kommt dabei unweigerlich ein Film wie Sorry To Bother You heraus – ein Meilenstein des Surrealismus. Der Plot ist schnell erzählt: Cassius Green (LaKeith Stanfield) heuert in einem Callcenter an und macht dort Karriere, weil er am Telefon mit der Stimme eines Weißen (David Cross) spricht. Er klettert schnell die Karriereleiter hoch, der Job bringt alles Wünschenswerte: Ruhm, Kohle und schließlich die absolute Zerstörung.

„Was könnte besser als das Callcenter exemplifizieren, wie eine neoliberale Welt dem Anspruch ihrer eigenen PR nicht gerecht wird?“ (S. 76), notierte Fisher in Capitalist Realism noch über die Institution, welche gleichermaßen überbürokratisiert und inkompetent ist und deren Angestellte den Subjekttypus des kapitalistischen Realismus symbolisieren: prekär, desillusioniert, in jeder Hinsicht ohnmächtig und unablässig an die Matrix angeschlossen.

Sorry To Bother You stellt das aber auf den Kopf, indem der Film Cassius weit über den Anspruch neoliberaler PR hinaus erfolgreich werden lässt. Der ebenso gruslige wie bizarre Twist gegen Ende des Films faltet das Problem konzise darauf zurück, wie die Menschen in dieser neuen und noch schöneren Welt geformt werden. Cassius zieht eine Line, bei der es sich nicht wie angenommen um Kokain handelt – sondern ein Mittel, das aus ihm ein pferdeähnliches Wesen, ein Äquisapiens, machen soll, wie sie der CEO seines Unternehmens WorryFree schon einige im Verschlag stehen hat. Entmenschlichte Krieger des Kapitals.

Sorry To Bother You deckt in grellsten Farben den Prozess auf, den Filme wie Joker mit wiederholten Erfahrungen von traumatischer Gewalt zu entschuldigen oder kaschieren versuchen: In kürzester Zeit entfremdet sich Cassius nicht nur von seinem Umfeld, sondern komplett von seinen politisch-moralischen Vorstellungen – kurz, sich selbst und seiner Wahrheit. Es braucht ihn eigentlich niemand mehr zu einem muskelbepackten Halbwesen heranzüchten, denn er ist es im Kern seines Wesens schon geworden. Immerhin aber: Die Sache geht einigermaßen gut aus. Cassius schließt sich dem Widerstand gegen den Konzern an. Die Realität, soll das wohl heißen, hat ihn wieder. Der Rückfall in den kapitalistischen Realismus als happy ending – na dann gute Nacht. Zumal es ganz am Ende dann doch wieder schlimmer kommt.

Ende 2019 ist die Welt offenkundig noch kompletter am Arsch als vor zehn Jahren. Der vorgebliche Realismus scheint darüber einem virulenten Surrealismus gewichen zu sein. Wo Mark Fisher mit Capitalist Realism noch die These vertrat, dass jede emanzipatorische Bewegung „den Anschein einer ‚natürlichen Ordnung‘ zerstören und das als notwendig und unausweichlich Dargestellte als reine Kontingenz aufdecken“ (S. 25) müsse, wirkt selbst Sorry To Bother You heute fast schon wieder nüchtern. In einer Welt der reinen Kontingenz spiegelt der Film letztlich nur die natürliche Ordnung der Dinge und damit das wider, was Georg Seeßlen und Markus Metz in einem Ende 2018 erschienenen Buch in Anlehnung an Fisher als „kapitalistischen Surrealismus“ bezeichneten.

Hier geht es zum zweiten Teil.

Alle Zitate aus:

Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift, übers. v. Christian Werthschulte, Peter Scheiffele und Johannes Springer, 2. unveränderte Auflage, VSA 2017.
Capitalist Realism. Is There No Alternative?, 0 Books 2009.

Mark Fisher: Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft, übers. v. Thomas Atzert, Edition Tiamat 2015.
Ghosts Of My Life. Writings On Depression, Hauntology And Lost Futures, Zero Books 2014.