Mark E. Smith / The Fall

MarkESmithDie Einladung klang verlockend. Mark E. Smith ließ über seine Agentin vermelden, dass er gerne über sein neues Album »Reformation Post TLC« plaudern würde. In Manchester, in seinem Lieblings-Pub. Die Geschichte hinter dem 25. Studioalbum seiner Karriere versprach einen guten Nachmittag – war doch zuletzt einiges passiert. Im Mai 2006 waren The Fall auf Tournee durch Arizona, als Mark E. Smith in Phoenix während seines Auftritts im Brickhouse Theater mit einer Bananenschale beworfen wird. Smith bricht den Gig ab. Schon am Abend zuvor, während einer endlosen Fahrt von Tucson nach Phoenix, schüttete Smith dem eigenen Fahrer und Tour-Manager bei voller Fahrt einen Humpen Bier über den Kopf. In Phoenix angekommen, quittierte dieser den Job und verließ die Band mitsamt dem Bus. Nach dem Konzert in Phoenix streikten auch die Musiker – bis auf Keyboarderin Elena Poulou, die Ehefrau Smiths. Das war das Ende des 52. Line-Ups von The Fall.

Binnen zwei Tagen besorgte sich der damals 49-jährige mit Hilfe seines amerikanischen Managers neue Musiker und setzte die Tour in San Diego fort – mit ihnen nahm Mark E. Smith anschließend auch die 14 Songs des neuen Albums auf. Sogar der Titel des Albums bezieht sich auf diese fast zu schöne Geschichte: ›Reformation‹ verweist die Neugründung der Band, ›Post‹ auf die seitdem vergangene Zeit.
    Mark E. Smiths Lieblings-Pub in Manchester entpuppt sich bei näherer Betrachtung übrigens als Etikettenschwindel – es handelt sich um die stadtfeine Bar des Malmaison-Hotels, einem Betonklotz im Piccadily-Viertel nahe dem Bahnhof. »Die Journalisten aus London trauen sich nicht in die Gegend, wo ich wohne«, entschuldigt Smith den irritierenden Treffpunkt. Mit einer routinierten, schwungvollen Geste entledigt er sich seiner zwei schwarzen Lederhandschuhe und einer übergroßen Winterjacke – ein feiner, dunkelblauer Anzug und ein gebügeltes, weißes Hemd mit fehlendem Knopf kommen zum Vorschein –, dann geht er zur Bar und bestellt sich auf Vorrat zwei (!) vasengroße Corona-Biere. Am 6. März wird Smith seinen 50. Geburtstag feiern, tatsächlich aber sieht er bereits heute älter aus, ist fahl im Gesicht. Natürlich schmälert dies nicht die ausgesprochen freundschaftliche Art, mit der Smith sich regelrecht in das Gespräch hineinwirft. Während des gesamten, insgesamt zweistündigen Interviews kichert er unentwegt, und wenn er mal lacht, klingt sein gutturales Schütteln wie das von Helge Schneider.
    »Stimmt es wirklich, dass Sie Ihrem Fahrer ein Bier über den Kopf geschüttet haben?«, frage ich die entscheidende Frage gleich zu Anfang – »Ach was! Glauben Sie nicht alles, was im Internet steht. Der Mann war weich – wie meine alte Band.« Smith zündet sich die erste von unzähligen Benson&Hedges-Zigaretten an, die er an diesem Mittag rauchen wird, an. »Ich musste sie alle rauswerfen. Umso zufriedener bin ich mit meiner neuen Band, die kann mehr.«
    Gemeinsam mit seiner Frau, Gitarrist Tim Presley, Bassist Rob Barbato und Schlagzeuger Orpheo McCord nahm Smith letzten Herbst ohne große Umschweife »Reformation Post TLC« auf. Es ist ein wirklich mutiges Album geworden, das neben dem letztjährigen »Fall Heads Roll« so etwas wie einen späten zweiten Frühling in der Karriere des Unermüdlichen markieren wird. Auf 14 Songs führt Smith die ganz große Bandbreite seiner musikalischen Ausdrucksmittel auf: Von treibenden Postpunk-Nummern wie dem Eröffnungsstück »Over! Over!« mit den programmatischen Zeilen »I think it’s over now / I think it’s ending / I think it’s the beginning«, über »Reformation!« bis hin zu »Fall Sound« hat selten zuvor jemals ein Album von The Fall so druckvoll und stolz aufgemacht.
    Die wahre Überraschung aber ist Mark E. Smiths Cover-Version von Merle Haggards Klassiker »White Line Fever«. Nicht nur singt Smith hier schräg, aber mit perfektem Timing und mit seiner Band als Backing Chor über eine unwiderstehliche Country-Melodie. Im Interview wird er bald davon sprechen, dass »White Line Fever« und überhaupt das gesamte Album eine Abkehr von dem spottenden, distanzierten Duktus vergangener Werke sei. »Mir gefiel mit einem Mal die Idee von Nähe – statt der Entrücktheit, also der Rolle, die ich in der Vergangenheit nur zu oft bei The Fall eingenommen hatte. Die Platte, auf der ich auf Haggard stieß, hieß übrigens ›Keep On Truckin‹…!«

    Fast hätte Smith es sich auch mit seiner neuen Band verscherzt, die er im Übrigen – was ist in ihn gefahren? – gleich mehrfach überschwänglich lobt. Als die Band während der Aufnahmen zum »Insult Song« das Studio zum Lunch-Break verlässt, nimmt Smith mit dem Toningenieur (den Produzenten hatte er bereits gefeuert) Gesangsspuren auf, in denen er die Abwesenden aufs Übelste beschimpft. Er habe nur das Mikrofon einpegeln wollen, Probeaufnahmen! Smith: »Ich improvisierte frei ins Mikrofon. Allerdings kamen sie früher als geplant vom Mittag zurück. Sie fühlten sich verarscht. Dabei handelte es sich nur um eine Grenzüberschreitung. Und gutes Handwerk in dem Sinne, als dass man solche Beleidigungen im Zweifelsfalle auch für einen Song nutzen kann, ist es allemal.« Der »Insult Song« wird so zum mit Abstand interessantesten Song des Albums. Smith sprechsingt, als befände er sich noch im vorangegangenen Song, die Zeilen »White line fever – yeah I got it! / White line fever – over and over again« über einen soliden Rock-Funk-Groove, der explizit an New Yorker Grooves der Achtziger erinnert. Smith widmet sich akribisch der vollständigen Dekonstruktion der Textebene, erzählt eine absurde Entführungsgeschichte, in der er und seine Frau von der alten Band entführt werden (»…they had us trapped in the hills, playing their Los Angeles music over and over…«), während Bass und Gitarre den pulsierenden, organischen New-Wave-Beat unbeirrt antreiben.

    In der eineinhalbminütigen Pop-Nummer »Coach And Horses« versteckte Mark E. Smith derartig viele geile Gitarrenriffs im Mix, dass einem ob der überbordenden Ideenflut des Sängers Angst und Bange werden kann: Woher nimmt dieser Dauertrinker und Kettenraucher – er lebt seine Laster übrigens mit einer leicht versnobten Gestik und großer Eleganz – bloß seine Inspiration? »Es sind zunächst einmal Erfahrung, Alter und Handwerk«, sagt Smith. Auf die Frage, wie er die Relevanz seiner Band im 30. Jahr ihres Bestehens einschätzt, antwortet er unumwunden: »Unser Publikum wird mit jedem Jahr jünger. Das nenne ich Relevanz. In Amerika blicke ich auf 15-16-jährige, wenn ich eine Bühne betrete. Und Relevanz bedeutet auch, dass man unsere Platten heute wieder veröffentlicht und die heutigen euphorischen Kritiken mit den damaligen Verrissen vergleicht. Aber das habe ich in meinem Leben gelernt: Seit 20 Jahren loben mich die Leute für die Dinge, die ich vor einem Jahrzehnt gemacht habe. Ich sage mir dann immer: Dann bin ich wohl Avantgarde, vor meiner Zeit. Immer gewesen. Das scheint mein Schicksal zu sein.«
    Angesichts des experimentellen, bleiernen, elfminütigen Soundscapes »Das Boat«, in welchem The Fall die Melodie von »The Crazy Frog« (das war der Faltermeyer-Titeltrack der US-Komödie »Beverly Hills Cop«) bis zum Fast-Stillstand und somit zur Unkenntlich abbremsen, wird deutlich, dass diese Band noch viele Ambitionen hat. Im Juni diesen Jahres soll endlich die Autobiographie »The Gospel According To Mark E. Smith« erscheinen, im Mai eine mit Spannung erwartete Kollaboration auf Albumlänge mit Mouse on Mars – alle anderen Anfragen von Zeitungen und Filmproduzenten lehnt Smith kategorisch ab: »Ich möchte mich nicht verzetteln, keine Konzentration von der Musik abziehen.« Im Falle von »Das Boat« bedeutet Disziplin, dass Smith erst bei Minute 5:30 die einzigen Textfragmente des hypnotischen Songs ausspricht: »Das Boat! U-Boat!«. Und sonst gar nichts.

    Er habe in den vergangenen 30 Jahren nie etwas anderes als Musik gemacht, unterstreicht Smith seinen zielstrebigen Weg in die Unsicherheit eines existentiellen Künstlerlebenslaufs. Weil es so passt, sei an dieser Stelle erwähnt, dass Mark E. Smith The Fall seinerzeit schließlich auch nach Albert Camus’ Signaturroman »Der Fall / The Fall« benannt hatte. Mit den Worten »aber Jubiläen bedeuten mir nichts«, leert er sein zweites Glas binnen einer halben Stunde. »Alle zehn Jahre werde ich darauf angesprochen. Es gehört dazu. Aber es interessiert mich nicht wirklich. Ich werde einfach alt in meinem Beruf. Trotzdem habe ich eine andere Zeitwahrnehmung. Ich bin im Laufe der Jahre übrigens ein großer Fan von The Fall geworden. Das war eine wandlungsfähige Band. Ich habe meine Musiker so oft rausgeschmissen, dass ich meine eigene Band längst wie die Band eines anderen empfinden kann – also Fan sein kann.

    Die Frage nach der Selbstreferenz weist Smith mit einem gurgelnden Lachen von sich. »Ich höre heute keine aktuelle Musik mehr, nur noch alte Songs. Ich habe mir neulich einen neuen Fernseher gekauft, bei dem kann ich per Fernbedienung einstellen, dass ich Musikvideos mit Untertiteln für Gehörlose anschauen kann. Ich habe mich nie für Musikfernsehen interessiert. Aber mit diesen Untertiteln wird Fernsehen zu Fluxus. Es ist so minderwertig, worüber die Menschen heutzutage singen! Es ist Dreck. Wenn man einfach nur Videos guckt, dann fällt einem das ja gar nicht so auf – aber diese Texte sind wirklich so grotesk schlecht. ›I went up the hill / I saw you / Then you broke my heart / Then I went down the hill«. Ich sehe dann diese für die Taubstummen gedachten Textzeilen mit den eingeblendeten Notensymbolen und denke, das ist doch moderne Poetik, da werden doch geheimnisvolle Botschaften ausgestrahlt.«

    Mark E. Smith schlägt vor, einen kleinen Spaziergang zu machen – hin zu einem Pub, in dem es »wirklich gemütlich ist«, wie er mit Nachdruck unterstreicht. Wir gehen durch die graue, nasskalte City von Manchester. Viele hastig gebaute, neue Glaspaläste prägen das Straßenbild. »Die verfluchte IRA-Bombe hat damals die ganze Innenstadt in Schutt und Asche gelegt. Es war ein Wunder, dass keiner umgekommen ist.«
    Unausgesprochen schwingt mit, dass, hätte es neben den 200 Verletzten auch Tote gegeben, der Anschlag vielleicht nicht so schnell in Vergessenheit geraten wäre. An einem Antiquitätenladen machen wir Halt. Mark E. Smith wippt auf seinen Hacken, nickt einem Kachelmosaik im Schaufenster zu und erklärt stolz: »Freunde von mir! Hier haben sie auch das Cover-Mosaik von ›Reformation Post TLC‹ aus Kachelscherben zusammengesetzt. Ein super Cover!« Von wegen. Die Platte, welche die Substanz hat, zu einem echten Leuchtturm im Katalog der Studioveröffentlichungen Mark E. Smiths zu werden, ziert eines der hässlichsten Cover der Bandgeschichte. Wofür die Akürzung ›TLC‹ stünde, wechsele ich das Thema. Reflexhaft antwortet Smith: »Tender loving care.« Warum so sarkastisch? Ebenso schnell: »Traitors, Liars and Cowards! Das bezieht sich auf meine letzte Band.«

    An einer Straßenecke zeigt Smith auf ein aus den gleichen Kachelbruchstücken zusammengesetztes Mosaik, das einige der wichtigen Mancunier Musiker in Lebensgröße abbildet. Neben Ian Curtis, Morrissey und den Gallagher-Brüdern ist auch der junge, 20-jährige – und somit kaum wiederzuerkennende – Mark E. Smith auf der Hauswand verewigt. Wir betreten das ›gemütliche‹ Pub, laut dröhnt der Live-Kommentar eines Leichtathletik-Wettbewerbs aus einem altmodischen Fernseher. Zwei dicke Männer rauchen schweigend rote John-Player-Special-Zigaretten und trinken Guinness; eine Tapetenbahn hängt halb von der Wand herunter. »Manchmal muss man seine Band einfach ziehen lassen, und sei es im Streit«, greift Smith den ursprünglichen Gedankengang wieder auf: »Wenn ich mich von Musikern trenne, vergesse ich sie in der Regel auch schnell. Ich kann mich schon an die Eierlosen, die mich in Phoenix haben sitzen lassen, nicht mehr erinnern. Nicht, weil ich seitdem betrunken gewesen wäre, sondern weil genau dies meine Methode ist, um mich immer wieder stets aufs Neue fokussieren zu können. Neue Gesichter bedeuten für eine Band neues Leben. Es handelt sich um eine sehr bewusste Methode, die ich anwende. Ich bin heute sogar noch ruheloser als ich es in den Achtzigern war. Meine letzte Band war zwischenzeitlich ganz toll, spielte wie ein Uhrwerk, ich konnte in ihrer Mitte konzentriert agieren. Dann fühlten sie sich zu sicher, und das Ganze ging den Bach runter. Ich hätte sie schlicht und einfach viel früher rausschmeißen sollen.«

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