Marissa Nadler »Strangers« / Review

Marissa Nadler arbeitet konsequent weiter am Fortbestand einer fremden, seltsamen Welt, mit deren Erschaffung sie vor gut zwölf Jahren begann.

Das Motiv der strangers, unbekannter Personen, ist Legion im Pop: »Strangers In The Night«, »Never Talk To Strangers«, »Talking To A Stranger« – und jetzt Marissa Nadlers neues Album Strangers. Den Titel darf man als kokett verstehen, denn fremd mutet diese Platte nicht an, zumindest nicht für diejenigen, die mit Nadlers früheren Platten vertraut sind. Das Cover greift die Gestaltung des Vorgängers July auf, produziert hat abermals Randall Dunn. Musikalisch sorgen Nadlers Mezzosopran und somnambule Goth-Folk-Arrangements für hohen Wiedererkennungswert.

Da soll noch mal jemand behaupten, Elektropop sei künstlich –
die Folkmusikerinnen sind es!

Nadler die Wiederholung des ewig Gleichen vorzuwerfen, fällt leicht und greift doch zu kurz. Es ist eine fremde, seltsame Welt, mit deren Erschaffung die Künstlerin vor gut zwölf Jahren begann und an deren Fortbestand sie konsequent und kontinuierlich weiterarbeitet. Diese Welt besteht aus surrealen Traumbildern, apokalyptischen Visionen, Wiedergängern, Todesahnung und -sehnsucht, den Geistern vieler Verstorbener Wegbereiterinnen wie Sylvia Plath oder Virginia Woolf. Da soll noch mal jemand behaupten, Elektropop sei künstlich – die Folkmusikerinnen sind es!

Vom sachten Aufbruch mit »Divers Of The Dust« bis zum tröstlich-morbiden »Dissolve« erweist sich Nadler auf Strangers als Meisterin der Dramaturgie. Der Titelsong befindet sich selbstredend in der Mitte, die anderen Stücke gruppieren sich um die durchscheinende Ballade herum, in der eine Westerngitarre leise weint und Nadler haucht: »I am alone now / In the dark«. Geradezu handfest sind im Vergleich die Songs auf Strangers, die Frauennamen im Titel tragen (noch eine Konstante in Nadlers Werk): Das mit sanften Beats unterlegte »Katie I Know«, »Shadow Show Diane« und vor allem das prachtvolle, üppig instrumentierte »Janie In Love« bevölkern Nadlers Sleepy-Hollow-Universum mit Gesichtern und Figuren. Diese sind womöglich untot, aber auf jeden Fall verlockend.

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