Marie Davidson „Working Class Woman“ / Review

Cover: Marie Davidson „Working Class Woman“

Zwar klingt der Titel Working Class Woman von Marie Davidsons neuem Album nach Gesellschaftskritik, vor allem aus der Sicht von Frauen. Doch in Wahrheit sind die darauf behandelten Themen eher allgemein  was den Inhalt betrifft, aber auch die herangezogenen Motive. Was bleibt sind Songs, die zum Tanzen, aber keineswegs zum Boykott motivieren.

Mehrsprachige Lautsprecheransagen, aufgenommen an Bahnhöfen europäischer Metropolen, unterlegt mit dumpfem, elektronischem Dröhnen. Marie Davidson, Teil des kanadischen Duos Essaie Pas, zeigt gleich zu Beginn ihres vierten Soloalbums Working Class Woman, wo sie sich bewegt: Im oberflächlichen, leistungsorientierten und anonymisierten Jetzt, das stets an der Grenze zum Burnout operiert. Anders aber als etwa ein John Lennon, der von außen die desolate Existenz eines untergehenden (Anti‑)Helden aus der Arbeiterklasse bedauerte, spricht Davidson selbst als Working Class Woman. Das ähnelt in der Praxis oft einem Hörbuch, redet sie darauf doch mehr, als dass sie singt. Ausnahme bildet lediglich die Leadsingle „So Right“, in der ein Mann sie zum Orgasmus und damit zum Singen bringt. Ist Sex die einzige Freude, die uns noch bleibt?

Ist Sex die einzige Freude, die uns noch bleibt?

Klar wird zumindest, dass es Davidson mit ihrem Album, anders als sein Titel vermuten lässt, nicht um dezidiert weibliche Probleme geht – sondern um allgemeinmenschliche. Der Druck, permanent etwas leisten und trotzdem positiv bleiben zu müssen („Work It“). Oder das Image zwischen Schwäche und Normierung, das einem die Gesellschaft überstülpt, wenn man sich Hilfe in der Psychotherapie sucht („The Psychologist“). Working Class Woman verheimlicht dabei nicht seine Rolle als musikalisches Ventil, als unmittelbares Sprachrohr. Texte wie Songtitel sind derart explizit und humoristisch, dass sie beinahe wie Produkte eines trotzigen Teenagers wirken. Dem entgegen steht allerdings die Musik. Denn die erinnert in ihrer Mischung aus reduzierten und gleichzeitig vielschichtigen Disco- und Elektroversatzstücken immer wieder an New Orders alten Schwank „Blue Monday“. Lust zu tanzen bekommt man dabei durchaus. Aber weiter über gesellschaftliche Missstände nachgrübeln? Eher nicht. So muss die im Opener „Your Biggest Fan“ gestellte Frage wohl verneint werden: „Is this album about taking risks?“

Diese Albumkritik wird auch in SPEX No. 383 erscheinen. Das Heft ist ab dem 25. Oktober versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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