Maria Minervas Akademischer Girl Pop

maria-minerva
STILL: Maria Minerva Ruff Trade. Video, Regie: Joonatan Allandi / New Feeling Industries, 2011.

*

   Die in Tallinn geborene Maria Jurr schwört stets, sie sei keine Musikerin im herkömmlichen Sinne und möchte als solche auch nicht bezeichnet werden. Viel eher sei sie eine Produzentin, die während nächtlicher YouTube-Sessions bruchstückhafte Referenzen im World Wide Web aufstöbert und umgehend in ihren eigenen Werkkosmos versampelt.

   Was dabei entsteht, ist eine sich durch Beliebigkeit und Zufall anreichernde, intuitiv-konzeptionelle Kunst, die dann, mit akademischen Inhalten versetzt, in einem feministischen Dogma aufgeht. Denn genau wie MARIA MINERVA u.a. auch mit dem ersten Teil ihres Albumtitels Cabaret Cixous (Not Not Fun) auf die Verinnerlichung dadaistischer Arbeitsweisen hindeutet – ab 1917 verwendete beispielsweise Hans Arp das Prinzip der aleatorischen Dichtung mittels zufällig zusammengefügter Textfragmente –, so beanstandet sie im gleichen Atemzug die Theorie der ecriture féminine für sich. Jens Balzer verweist in der aktuellen Spex auf das aufkommende »Thesen-, Themen – und Namendropping« der vergangenen Monate; sei es in Form des postdekonstruktivistischen Alain Badiou-Anhängers John Maus, der mit seinem Albumtitel We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves eine der Fifteen Theses on Contemporary Art des französischen Philosophen referenziert; oder in Form eines gleichermaßen Hegel, Schelling und R. Kelly zitierenden Philosophie-Doktoranden Tom Krell alias How to Dress Well.

    In diesen Vormarsch junger Denker und Philosophen reiht sich nun erstmals eine Frau ein, die sich, ganz im Sinne ihres Vorbildes Hélène Cixous, gegen einen männlich-binären, phallogozentrischen Blick auf die Welt ausspricht. Balzer bringt in seiner Rezension an dieser Stelle seinen Neologismus Hypnagender Pop ins Spiel – abgeleitet von Hypnagogic Pop -, um Minervas subversive Weiblichkeit zu betiteln. Die Künstlerin selbst sagt in einem Altered Zones-Interview schlicht, sie wolle Musik für Frauen machen, »girl pop« eben.

    Das offensichtliche Spiel mit Klischees und Pop-Referenzen, die aus ihrem Kontext entnommen und umgewertet werden, sind wesentlicher Bestandteil von Minervas Arbeitsprozess. Umso unverständlicher ist deshalb die von Tony Herringtons in The Wire-Blog forcierte Inszenierung Minervas als betörende Undergroundkünstlerin, die frischen Sex-Appeal in die Szene hineinbringen soll. Minerva findet das ganz amüsant, ohne dass sie verstehen könne, wie sich dieses Image so rasant verselbstständigt habe. Aber zuletzt, gibt sie zu, brauche jeder ein Image, und wenn dies ihres sein sollte, sei es auch okay.

   Am Freitag, dem 25. November, gibt Maria Minerva ihr erstes und leider vorerst auch einziges Deutschlandkonzert im Chez Jacki, Berlin, bei der letzten Ausgabe der Expatriarch-Veranstaltungsreihe Mort À La Différence. Spex verlost 2×2 Plätze für das Konzert.

*


VIDEO: Maria Minerva Ruff Trade. Regie: Joonatan Allandi / New Feeling Industries, 2011.


VIDEO: Maria Minerva Lovecool. Regie: Joonatan Allandi / New Feeling Industries, 2011.

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.