Marc Almond, Wiedergänger mit Herz

Endlich wieder ein Marc Almond-Album, das an die großen Referenzwerke »Mother Fist And Her Five Daughters« (1987) und »The Stars We Are« (1988) anknüpfen kann! Wer in den vergangenen Jahren auf Werke des Briten hoffte, die den bitterbösen, windschiefen Seemannsballaden des Ersteren oder dem campen Breitwand-Orchesterpop des Letzteren in Ansätzen das Wasser reichen konnten, wurde vom ehemaligen Soft Cell-Sänger wieder und wieder enttäuscht: Vom Testosteron-Rock mit Euro-Disco paarenden »Fantastic Star« (1996) über das schlecht arrangierte »Stranger Things« (2001) bis hin zum Interpretationen traditioneller russischer Folksongs versammelnden »Heart On Snow« (2003), das mit seinen Duetten mit krächzenden Mütterchen, die ihre Glanzzeiten in den 20er Jahren hatten, allzu oft den Willen zur Hommage über Aspekte des Wohlklangs stellte.
    Mit diesem mageren Schlussbild wäre die Geschichte beinahe zu Ende gegangen: Im Oktober 2004 kam Almond bei einem schweren Motorradunfall in London fast ums Leben. An den Folgen seiner Kopfverletzungen leidet er noch heute: Er stottert, hat Panikattacken und Gedächtnisstörungen. Das Singen musste er mühsam neu erlernen.
Das von Tris Penna und Marius de Vries (Madonna, Björk, Rufus Wainwright) produzierte »Stardom Road« ist bis auf eine Ausnahme ein Coveralbum. Obgleich es sich – zählt man die EP »A Woman's Story« (1986) nicht mit – nach dem Brel-Tribut »Jacques« (1989), dem weitere klassische französische Chansons interpretierenden »Absinthe« (1993) und »Heart On Snow« bereits um das vierte Album mit Fremdkompositionen handelt, wird mit »Stardom Road« dadurch Neuland betreten, dass ohrenschmeichelnde Orchesterarrangements auch innerhalb eines Stückes mit einem sehr greifbaren konventionellen Band-Soundgerüst einhergehen. Es war eine gute Idee, komplett auf organische Instrumentierung zu setzen und die Finger von programmierten Beats und Synthesizern zu lassen. Der Mann, der so viel dafür getan hat, dass Schminke in Jungsgesichtern zumindest in den Unterhaltungsmedien ein Stück weit salonfähig wurde, erzählt auf seinem 14. Studioalbum seine einer Achterbahnfahrt gleichende Autobiografie anhand der Lieder anderer.

    Seine Faszination für den heruntergekommenen Star, die Pailletten in der Gosse und die Kehrseiten des Ruhms wird von der Songauswahl gespiegelt: Das dramatische Titelstück, ursprünglich von der britischen Rockband Third World War und mit Harfe, Spinett sowie einem Himmel voller Geigen opulent inszeniert, erzählt ebenso von den Schattenseiten des Showbusiness – Grausamkeit, Neid, Ablehnung, Manipulation – wie das durch seinen ehemaligen Duettpartner Gene Pitney (»Something's Gotten Hold Of My Heart«) berühmt gewordene »Backstage (I'm Lonely)«. Al Stewarts in einer hymnisch-modhaften Streicher-Pop-Umsetzung adaptiertes »Bedsitter Images« reflektiert jene Lebensphase Almonds, in der er während seines Kunststudiums in Leeds in einem heruntergekommenen Ein-Zimmer-Apartment gegenüber einem Strip-Club und dem Straßenstrich lebte. David Bowies drogengeschwängerte Adoleszenzballade über einen 17-jährigen Flüchtling aus dem elterlichen Heim, »The London Boys«, habe ihn, so Almond, in die britische Hauptstadt gelockt.
    St. Etiennes Sarah Cracknell veredelt als weibliche Stimme das durch Dusty Springfield berühmt gewordene, schwelgerische 60's-Pop-Stück »I Close My Eyes (And Count To Ten)«, während der inzwischen als Duettpartner notorische Antony Hegarty von Antony And The Johnsons mit Almond das von Anita O'Day popularisierte »Ballad Of The Sad Young Men« performt, ein ungeheuer trauriges, dunkles Jazz-Stück über urbane Verlorenheit und die Endlichkeit der Jugend, das von schwulen Konnotationen durchzogen ist.

    Höhepunkt von »Stardom Road« ist neben dem Titelstück zum einen der ursprünglich von Paul Ryan für seinen Bruder Barry verfasste Nevergreen »Kitsch«, ein Up-Tempo-Stück mit Amok laufenden Streichern, das die Dynamik des Northern Soul mit dem Glamour des Torch Songs verbindet. Zum anderen stellt Almond anhand des unwiderstehlichen, Wehmut mit Hingerissenheit paarenden Songs »Happy Heart«. einst gesungen von Petula Clark, eindrucksvoll unter Beweis, dass seine Stimme zu vollem Volumen zurückgefunden hat.
    Man könnte monieren, dass es nicht nötig war, das wahrlich nicht vor dem Vergessen zu bewahrende »Strangers In The Night« zu covern, und beklagen, dass ausgerechnet das einzige Originalstück »Redeem Me (Beauty Will Redeem The World)« etwas belanglos vor sich hin schunkelt. Doch wozu das Haar im Bordeaux-Wein suchen bei einem solch fulminantem Comeback wie diesem?

    Almond, der im Juli 50 wird, hat angekündigt, nach seinem nächsten Album mit Originalkompositionen nur noch die Songs anderer interpretieren zu wollen. Wenn er das so umsetzt setzt wie auf »Stardom Road«, bietet diese Aussage keinerlei Grund zur Besorgnis.

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