Mapplethorpe – Filmfeature zum Kinostart

Selbstporträt, 1980 (Foto: Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission.)

Muskeln, Peitschen, Blumen und Schwänze in Formvollendung. Niemand beherrschte die Kunst der Schwarz-Weiß-Inszenierung so wie der 1989 gestorbene New Yorker Fotograf Robert Mapplethorpe. Das beglückende Zeugnis seines Lebens kommt nun ins Kino.

Es sind die Vergessenen, die einem die Tränen in die Augen treiben, in diesem Fall die vergessenen Bilder Robert Mapplethorpes. Das frühe Portfolio aus der schwulen S/M-Szene, die Erhabenheit des Niedersten – wie konnte man sich daran nicht erinnern beim späteren Bewundern von Blumenstillleben?

Mapplethorpe hat vor seinen Bildern ein Leben geführt, konzeptuell, avant la lettre; das ist das größte Geschenk für eine filmische Künstlerbiografie. Den Zeitzeugen, die in Fenton Baileys und Randy Barbatos Dokumentation Mapplethorpe – Look At The Pictures zu Wort kommen, sieht man an, warum Mapplethorpe ihnen verfiel. Manche sind noch nicht alt, die Jahrzehnte von Mapplethorpes Schaffen und die nach seinem Tod 1989 liegen weit ausgedehnt vor einem, die Sechziger, Siebziger, Achtziger – alle epochal, für die Fotografie wie für die Homosexuellenbewegung.

Ken And Robert, 1984 (Foto: Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission.)
Ken And Robert, 1984 (Foto: Robert Mapplethorpe Foundation. Used by permission.)

Kein Künstlerfilm entgeht vollständig der Glorifizierung. Das mag ein strukturelles Problem sein, eines der großen, linearen Erzählung und eines der Erinnerung. Dieser Film aber hat zusätzlich etwas Beglückendes. Vielleicht, weil so viel Lust im Spiel ist, immer noch. Weil Mapplethorpe zwar der Erzählung nach ein großer Künstler werden musste, im Detail aber der Teufel steckt: Mapplethorpes Anspruch, seine Polaroids, seine enge Freundschaft zu Patti Smith, der Kunstsammler Sam Wagstaff als finanziell potenter Weggefährte, sein jüngerer Bruder Edward als Assistent im Studio oder ein wunderbares Interview im Chelsea Hotel, in dem der junge Künstler dermaßen blasiert nichts sagt, dass einem bange wird. Mapplethorpes persönliche Bewegungen und Entscheidungen ergeben Sinn, und die Entwicklung seines Werks folgt ihnen. Das ist das Beglückende an diesem Film.

Die verzückten Kuratoren im Archiv, die glänzenden Auktionen der letzten Jahre: alles geschenkt, wenn der Film an anderer Stelle zeigt, wie Ende der Achtzigerjahre ein Senator aus Cincinatti Obszönität wittert und voller Entrüstung brüllt: „Look at the pictures!“

 
Mapplethorpe – Look At The Pictures
USA 2016
Regie: Fenton Bailey & Randy Barbato

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in SPEX No. 371 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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